Die Unerträglichkeit der Relativierung

6. Mai 2005, 19:18
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Beitrag Nazi-Deutschlands zur baltischen Tragödie nicht vergessen! - Ein Kommentar der anderen von Ex-Kohl-Berater Michael Mertes

Oftmals versuchen die früheren Täter ihren ehemaligen Opfern die moralische Überlegenheit abzusprechen, indem sie behaupten, selbst Opfer gewesen zu sein. Deshalb war der 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten am 13. Februar 1945 im Hinblick auf die deutsche "Politik der Erinnerung" wahrscheinlich von entscheidenderer Bedeutung als es der 60. Jahrestag des 8. Mai 1945 sein wird.

Rechtsaußen-Gruppierungen haben diesen Angriff, bei dem mindestens 30.000 Menschen umkamen, als den "Bombenholocaust von Dresden" bezeichnet. Glücklicherweise erwies sich diese Propagandakampagne als Fehlschlag. Obwohl es stimmt, dass Tausende in Dresden und in anderen deutschen Städten getötete Zivilisten auf der persönlichen Ebene unschuldig waren, so kann es keinen Zweifel darüber geben, dass es moralisch zwingend war, Deutschland kollektiv zu besiegen.

Auf der linken Seite des politischen Spektrums ist die Aussage vom 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung nach wie vor unbestritten. Dennoch wird manchmal verschwiegen, dass zur Erreichung dieses Zieles ein massiver Einsatz von Gewalt notwendig war. Linker Pazifismus neigt dazu, diese simple Tatsache zu übersehen. Der Slogan "Nie wieder Krieg!" ist nur die halbe Wahrheit - die andere Hälfte heißt "Nie wieder Appeasement-Politik!"

Der 8. Mai 1945 war nicht die "Stunde Null", wie man in Deutschland gern behauptet. Es gab eine Vorgeschichte, nämlich mangelnden präventiven Widerstand daheim und im Ausland gegenüber der Bedrohung, die in Nazi-Deutschland in den 1930er Jahren aufgebaut wurde.

Und noch eine Lehre ist zu ziehen. Ja, der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung, zu dem die sowjetische Armee entscheidend beitrug. Aber für Millionen Menschen in Mittel- und Osteuropa folgte auf die Befreiung die Unterdrückung durch das Stalin-Regime.

Der gegenwärtige Krieg der Erinnerungen zwischen den baltischen Republiken und Russland im Hinblick auf die internationalen Feierlichkeiten am 9. Mai in Moskau, erinnert Deutschland an eine besondere historische Verantwortung. Der im August 1939 abgeschlossene deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, der so genannte Hitler-Stalin-Pakt, enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Rumänien den jeweiligen Interessenssphären der zwei Vertragsparteien zugeordnet wurden.

Aber die Nazi-Gräuel rechtfertigen, indem man auf die stalinistischen Verbrechen verweist, ist ein intellektuell und moralisch inakzeptables Manöver.

Wenn Bundeskanzler Schröder nach Moskau reist, um an den Feiern am Roten Platz teilzunehmen, sollte er den Beitrag Nazi-Deutschlands zur baltischen Tragödie nicht vergessen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2005)

Michael Mertes war Berater von Ex-Kanzler Helmut Kohl in Fragen der Sicherheits- und Außenpolitik.
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