Die Sache mit der österreichischen Nation

6. Mai 2005, 19:10
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Die Österreicher haben gelernt, Österreicher zu sein. Aber was macht die neue österreichische Identität im "Gedankenjahr" aus? Was denken die Jungen darüber?

Identität bedeutet: Selbstverständnis, so sind wir, so wollen wir sein, das ist uns wichtig, vielleicht sogar "heilig", das macht, um Marketing-Jargon zu verwenden, unser "Alleinstellungsmerkmal" aus.

Eines steht schon seit längerer Zeit fest: Die Österreicher fühlen sich nicht mehr als Deutsche. Umfrage um Umfrage zeigt ein stabiles Bild: Rund 75 Prozent der Befragten sagen "Die Österreicher sind eine Nation". Weitere 15 Prozent stimmen der Vorgabe zu "Die Österreicher beginnen sich langsam als eine Nation zu fühlen".

Noch vor vierzig Jahren, 1964, bejahten nach einer Umfrage des GFK-Instituts nur 47 Prozent die Frage nach eigener Nation. In diesem Sinn gibt es schon länger eine "neue österreichische Identität". Das soll nicht unterschätzt werden, denn eine ganze Zeit lang gab es fast überhaupt niemand, der sich als Österreicher fühlte. Davon wird in dieser Serie noch die Rede sein. Für jetzt ist festzuhalten: Die Österreicher haben ein gefestigtes, nicht deutsches Nationalbewusstsein (nur in FPÖ und BZÖ verneinen das nach einer aktuellen GfK-Umfrage noch 25 bzw. zwölf Prozent).

Aber was bedeutet überhaupt die Zustimmung zu einer Nation? Hier haben die Österreicher einen Zugang zu einer modernen Sichtweise gefunden. Mit Nation wird ganz überwiegend nicht eine Volkszugehörigkeit, ja nicht einmal so sehr die gemeinsame Sprache empfunden, sondern die "Zustimmung" der Menschen zu dem Staat, in dem sie leben, "auch wenn diese Menschen verschiedene Sprachen sprechen". Dazu sagen nach einer GfK-Umfrage von 2004 immerhin 83 Prozent Ja. Österreich als "Willens-Nation" wie die Schweiz oder die USA.

Welche Inhalte hat dieses Nationalgefühl? Was ist das nationale Bewusstsein, das die Identität prägt? 40 Prozent fühlen sich z. B. auch als Europäer (GfK 2004). Die österreichische Geschichte kennt keine erfolgreichen Revolutionen, kaum eindeutige militärische Siege und bei den historischen Persönlichkeiten haben melancholische, politisch vollkommen unwichtige Gestalten wie Kaiserin Sisi den höchsten Emotionswert.

Die Österreicher sind stolz auf sich und ihr Land (57 Prozent "sehr stolz", 35 Prozent "eher stolz" - GfK 2004). So hohe Zustimmungswerte haben sonst nur die Amerikaner. Worauf sind wir stolz? Umfragen weisen regelmäßig den Staatsvertrag und die Neutralität als zentrale Bezugspunkte unserer politisch-historischen Identität aus. Das wird ja jetzt auch ausgiebig gefeiert, unter anderem mit einer interessanten Ausstellung "Das Neue Österreich" im Belvedere (Eröffnung: 14. Mai). Unser Nationalfeiertag (26. Oktober) gründet schließlich ja auch auf der Beschlussfassung des Neutralitätsgesetzes.

Nur: Die Neutralität ist längst ausgehöhlt. Namhafte Historiker wie Gerald Stourzh schlagen eine Verlegung auf den 15. Mai (Staatsvertrag) vor. Österreichische Identität und Realität klaffen hier weit auseinander.

Und sonst: Worauf sind die Österreicher stolz? Auf die Landschaft, auf Essen und Trinken, die intakte Natur, die Ärzte und die Altersversorgung (Imas-Umfrage von 2004). Was ist ihnen sympathisch? Sicherheit, Heimat, Ordnung (Imas, 2000). Wie sehen sie sich selbst? Zu drei Viertel als "sympathisch, gesellig, fleißig, gebildet, gescheit und erfolgreich" (GfK-2004). Ein (nicht ganz unberechtigtes) Bild biederer Selbstzufriedenheit. Aber das ist nicht alles. Und die Jungen sind da etwas anders. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2005)

von Hans Rauscher
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