"Königreich der Himmel": Ritter ohne Ambitionen

6. Mai 2005, 18:35
23 Postings

Ridley Scotts neuer Historienfilm "Königreich der Himmel" thematisiert eine mittelalterliche Schlacht um Jerusalem zwischen Christen und Muslimen

Ritterlich erweist sich darin der, der an das Wohl des eigenen Volks denkt. Siegreich bleiben indes vor allem die Schauwerte.


Wien - Der Zeitpunkt scheint klug gewählt: So strikt sich Hollywood nach ökonomischen Kriterien orientiert, so selbstverständlich sollten sich in einem Historienfilm über Kreuzritter Verweise auf die politische Gegenwart wiederfinden - zumal es um die Machthoheit über die Stadt Jerusalem geht. Wobei die Reaktionen, die schon folgten, bevor jemand den Film sehen konnte (antiislamisch?, proislamisch?, oder - langweiligste Variante - geschichtsverfälschend?), dem Produkt sicher auch nicht geschadet haben.

In solchen Fällen der ideologischen Beschlagnahme hilft es, sich an den Film zu halten. Ridley Scotts Königreich der Himmel / Kingdom of Heaven ist das jüngste Beispiel für die Ausreizung einer Erfolgsformel, die da lautet: Antike sells! Scott selbst hatte mit Gladiator den Neoboom der Monumentalfilme ausgelöst, Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Zyklus vor allem in Hinsicht der digitalen Schlachtenanimierung Prototypen geschaffen; was folgte - Troja, König Arthur, Alexander -, hat bloß die Akzente etwas verschoben.

Mit Orlando Bloom als Balian in der Hauptrolle hat Scott nun auch einen "Star der Ringe" verpflichtet. Als gewöhnlicher Schmied, der über den Tod seiner Frau seinen Glauben verloren hat, ist er eine ähnlich angelegte Figur wie Russell Crowe in Gladiator. Auch er hat kaum mehr etwas zu verlieren, die erzählerische Bewegung des Films führt so auch aufwärts: Für Balian geht es darum, eine neue Rolle anzunehmen, um letztlich zum Glauben zurückzufinden.

Klare Fronten

Der Schmied schließt sich den Kreuzrittern auf ihrem Weg nach Jerusalem an, wo sie dem leprakranken König Baldwin (Edward Norton hinter einer Maske) beistehen wollen. Die geopolitischen Fronten sind leicht auseinander zu halten: Während der König auf Appeasement mit dem Sarazenenführer Saladin (Ghassan Massoud) setzt und dabei vom Ritter Tiberius (Jeremy Irons) unterstützt wird, versuchen die Tempelritter diesen Kurs zu unterwandern und einen Krieg heraufzubeschwören.

Es ist eine nachgerade politisch korrekte Grunddisposition, für die sich das Drehbuch von William Monahan entscheidet. Es sympathisiert mit den Vertretern der Toleranz. Den Intriganten am Hof setzt es den moderaten König entgegen. Weil der sich aber ausgerechnet Balian als Nachfolger wünscht, der sich jeder repräsentativen Funktion verweigert und lieber Gemüsefelder anlegt, ist der Friede in Gefahr.

Der Umstand der Eroberung wird dabei von vornherein ausgeklammert. Als Balian schließlich doch zum Schwert greift, bewegen ihn keine territorialen Interessen, sondern der edle Drang, dem eigenen Volk das Überleben zu sichern. Dieses Konzept von Solidarität, das im Opfermut sein höchstes Gut findet, erinnert an jüngere Kriegsfilme, etwa an Scotts Black Hawk Down.

Darin lautete die oberste Losung, dass niemand zurückgelassen werden darf. Die Schlachtenszenen, die in Königreich der Himmel in routinierter Abfolge von Zeitlupen, Halbnah- und Halbtotaleinstellungen daherkommen, folgen einer vergleichbaren Logik. Sie sind der pathetische Anschauungsunterricht einer Rhetorik des Krieges, die keine Feigheit toleriert.

Warum überhaupt gekämpft wird, gerät darüber schnell in Vergessenheit. Was Scott Gelegenheit gibt, seine Schauwerte zu platzieren, ohne sich herauslehnen zu müssen. In der finalen Schlacht um Jerusalem stehen sich denn auch zwei Krieger gegenüber, die keinen Krieg wollten. Was ihm Jerusalem bedeute, fragt Balian Saladin: "Nichts", sagt der zuerst und fügt dann mit einem Lächeln hinzu: "Alles." (DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.05.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

"Königreich der Himmel"
Derzeit im Kino
  • Ein Schmied, der sich im Morgenland als weiser Ritter zu erkennen gibt: Orlando Bloom als Balian in Ridley Scotts Schlachten- 
epos "Königreich der Himmel".
    foto: centfox

    Ein Schmied, der sich im Morgenland als weiser Ritter zu erkennen gibt: Orlando Bloom als Balian in Ridley Scotts Schlachten- epos "Königreich der Himmel".

Share if you care.