Dornröschen schläft in Ottakring

19. Mai 2005, 16:00
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Die Kornhäusl-Villa wird wiederbelebt - Bis Sonntag ist der Zaubergarten noch im verwilderten Zustand zu sehen

Wien – Natürlich wäre es romantischer, den Dornröschenschlaf nicht zu beenden. Denn schließlich kann und will sich auch Susanne Reppé dem Reiz eines teils sonnendurchfluteten, teils malerisch-schattigen, verwildert wuchernden Zaubergartens nicht verschließen. Schon gar nicht, wenn der zu einem Schloss gehört. Einem verwunschenen. Einem, das zwar seit Jahrhunderten da – mitten in der Stadt – steht, aber trotzdem nie wirklich da war: Abgeplankt, hinter Plakatwänden verborgen, von verrammelten Türen versteckt liegt es in der Mitte jener Schleife, die der J-Wagen an seiner Ottakringer Endstation dreht – und kaum jemand weiß, dass es die Kornhäusl- Villa überhaupt gibt. Auch dann nicht, wenn man das denkmalgeschützte Gemäuer an der Ecke Ottakringer Straße/Maroltingergasse bei seinem anderen Namen, "Villa Jenamy", nennt.

Start im September Hier sitzt Susanne Reppé also unter einem der alten Bäume, sieht den ersten Insekten beim Fliegen zu und erklärt, dass es auch ihrer romantischen Seite am liebsten wäre, alles zu lassen, wie es ist. Nur geht das halt nicht: Reppé ist Projektentwicklerin der gemeinnützigen Wohn- und Siedlungsgesellschaft "Neue Heimat". Die hat das im Grund ziemlich verwahrloste Ensemble gekauft – und wird ( muss) es nun verwerten. Ab September.

Das Schloss – die älteste Landvilla Wiens, deren Um- und Zubauten dem Historismus-Architekten Josef Kornhäuls zugeschrieben werden – wird saniert. Es wird dann, in etwa zwei Jahren, einer Konditorei sowie medizinischen Einrichtungen Platz bieten. Der Platz ringsherum soll geöffnet werden – und als regionale Piazza für Alt-Ottakring dienen.

Geschwungene Welle

Und in einen Teil des Gartens (vor allem dort, wo nur noch die Ruinen alter Stallungen sind) wird das Architektenteam Nehrer/Medek 92 Wohnungen in einem "Geschwungene Welle" genannten Gebäude errichten. "Aber abgesetzt vom alten Schlössl und niedriger als der Turm – das Kleinod darf und wird nicht erschlagen werden", erklärt Reppé.

Die Neubelebung des Innenbereiches der J-Wagen- Schleife steht außerdem unter einem Motto: "Wohnen für Generationen", ein Pilotprojekt zur Entwicklung moderner Wohnformen für ältere Menschen.

"Wachgeküsst"

Freilich wäre das noch kein Grund für die Projektenentwicklerin, im alten Garten unter den Bäumen zu träumen. Aber noch bis Sonntag sind das alte Schloss und der Garten geöffnet – als temporäre Galerie: Unter dem Titel "wachgeküsst" setzen sich junge Künstler hier mit dem Themenkreis "altern" auseinander, ihre Arbeiten sind in und um die Villa zu sehen. "Um Impulse zu setzen", erklärt Reppé: Das Karmeliterviertel aber auch der "Soho"- Hype rund um den Brunnemarkt hätten gezeigt, wie belebend und identifikationsstiftend Kunst sich auf ein bis dahin schlafendes Viertel auswirken könne.

Bliebe noch das Dilemma mit dem Verlust der malerischen Verwunschenheit. Aber sogar im Märchen ist Dornröschens Schloss nach dem erweckenden Kuss schließlich wieder superschick herausgeputzt worden. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 07.05.2005)

  • Artikelbild
    foto: standard/regine hendrich
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