Rau warnt vor Schlussstrich zu NS-Aufarbeitung

6. Mai 2005, 18:59
posten

Deutscher Ex-Präsident würdigt Ende der NS-Herrschaft - Feiern, Gottesdienste und Lichterketten zum 8. Mai

Essen/Berlin - Der deutsche Alt-Bundespräsident Johannes Rau hat das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft als "Befreiung von einem permanenten, auch gegen das eigene Volk gerichteten, Terror" gewürdigt. Er warnte in einem Gastbeitrag für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (Samstag) zum 60. Jahrestag des Kriegsendes davor, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung des NS-Regimes ziehen zu wollen. Persönliche Schuld hätten zwar nur die Täter, betonte Rau. Aber mit den Folgen dieser Schuld müssten sich auch die nachfolgenden Generationen auseinander setzen.

Gedenkveranstaltungen am Sonntag

Mit Feiern, Gottesdiensten und Lichterketten begehen die Deutschen den 60. Jahrestag des Weltkriegsendes am Sonntag in Berlin. Höhepunkte der Gedenkveranstaltungen sind der vom Land Berlin veranstaltete "Tag der Demokratie" rund um das Brandenburger Tor und eine Rede des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler im Reichstag. Parteien, Verbände und Initiativen betonten am Freitag erneut die Notwendigkeit der Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Gegen eine NPD-Demonstration wollen linke Gruppierungen protestieren.

Der "Tag der Demokratie" beginnt bereits am Samstag am Brandenburger Tor. Vorgesehen sind Gespräche über das Ende des Zweiten Weltkriegs mit Zeitzeugen, die Vorstellung von Projekten gegen Rechts und ein "Konzert für Demokratie". Die Rede Köhlers im Bundestag soll auf die Großleinwand am Brandenburger Tor übertragen werden. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wird eine kurze Ansprache halten.

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Gernot Erler erklärte: "60 Jahre danach ist Erinnerung immer noch unverzichtbar, Vergessen unmöglich." Der Zweite Weltkrieg sei von Deutschland allein zu verantworten und ein Ergebnis der verbrecherischen Nazi-Ideologie.

Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Michael Glos, zeigte sich dankbar für den Sieg der Alliierten, der zugleich die Befreiung von der naionalsozialistischen Diktatur bedeutete. Der 8. Mai mahne die Deutschen, Demokratie, Rechtstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte wertzuschätzen.

Die IG Metall rief alle demokratischen Kräfte in Deutschland auf, sich am 8. Mai in Bündnissen für Demokratie und Toleranz zu engagieren und so ein deutliches Zeichen für Rechtsstaat, Demokratie, Solidarität und Toleranz zu setzen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erklärte, "nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg" müsse die Leitlinie für die Beschäftigten des Bildungsbereiches sein. Die Gewerkschaft Transnet nannte den 60. Jahrestag einen Auftrag für mehr Zivilcourage in der Gesellschaft.

Aufruf zu Blockade der NPD-Demo

Ein linkes Bündnis unter Federführung der Antifaschistischen Linken Berlin (ALB) rief zu einer Massenblockade der Rechten auf dem Alexanderplatz auf. Den erwarteten 3.000 bis 4.000 Rechtsextremisten, die unter dem Motto "60 Jahre Befreiungslüge - Schluss mit dem Schuldkult" in Berlin-Mitte aufmarschieren wollen, dürfe nicht wortlos zugesehen werden.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) appellierte an die Bürger, die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wach zu halten. Die Arbeiterwohlfahrt sah es als geboten an, mit dem Fest zum "Tag der Demokratie" ein Zeichen zu setzen.

Der Bund der Vertriebenen forderte eine "vollständige Erinnerung an all das, was diesem Datum vorangegangen ist und was danach kam". Zur vollständigen Erinnerung gehöre auch, dass jenseits des Eisernen Vorhangs eine kommunistische Diktatur errichtet worden sei und dass für die Deutschen im östlichen Teil des Landes sich die Leidensgeschichte mit Flucht, Vertreibung oder Deportation fortgesetzt habe. (APA/AP/dpa)

Share if you care.