Suizid beim Heer: Der letzte Schritt an die Grenze

9. Mai 2005, 17:43
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Seit September haben sich vier Assistenzsoldaten im Burgenland das Leben genommen

Eisenstadt – Es ist Nacht. Die Nacht vom 26. auf den 27. April. Lau ist es geworden, anheimelnd beinahe. Das Marschieren fällt jetzt leichter als in der letzten, bissigen Winterkälte, und erst recht das Ausschauhalten. Die Rekruten des Jägerbataillons 17 aus Strass in der Steiermark lassen den Abend im Wirtshaus in Rattersdorf ausklingen. Seit 4. April sind sie hier stationiert, kennen mittlerweile die Gegend – "Gelände" im Jargon: Lockenhaus, Liebing, Rattersdorf (siehe Grafik). Im Süden der Irottkö, der Geschriebenstein. Findet sich eine Blickschneise, sieht man die Lichter der nahen Stadt Köszeg.

Austreten

Jene, die Dienst haben, sitzen nicht im Wirtshaus. Sie patrouillieren und halten Ausschau nach Grenzgängern. Immer zu zweit. Von einem Unterstand aus. Einer der beiden sagt, er müsse austreten. Nach kurzer Zeit hört der andere einen Schuss. Er glaubt an einen Jäger. Aber er irrt sich. Der 18-jährige Steirer hat sich mit seinem Sturmgewehr erschossen. Es ist der vierte Selbstmord eines Assistenzsoldaten, der dritte eines Rek^ruten, an der burgenländischen Grenze seit September.

Nicht überm Durchschnitt

Christian Langer, Oberstleutnant von Rang und Psychologe von Beruf, fühlt sich gefordert und machtlos gleichermaßen. Der Heerespsychologische Dienst, den er leitet, hat in den vergangenen Jahren ein recht dichtes Beratungs- und Hilfsangebot geknüpft, "aber ausschließen kann man diese Suizidfälle nicht". Langer möchte nur die Dimensionen zurechtrücken: Der Eindruck, beim Grenzeinsatz gebe es überdurchschnittlich viele Selbstmorde, sei schlichtweg falsch. Seit Beginn des Assistenzeinsatzes im Jahr 1991 – seither waren 295.000 Soldaten an der Grenze – hätten insgesamt 19 junge Männer Hand an sich gelegt. 19 zu viel, sagt Christian Langer. Aber allein im Jahr 2003 haben sich österreichweit beinahe 1500 Menschen das Leben genommen, davon allein 55 in der – bundesheerrelevanten – Altersgruppe zwischen 16 und 20.

Drei Anrufe pro Tag

Der Heerespsychologische Dienst betreibt seit einigen Jahren eine Rund-um-die- Uhr-Hotline, die auch tatsächlich genützt werde: "Durchschnittlich drei melden sich pro Tag." Und zwar nicht nur Hilfesuchende, sondern auch Kommandanten oder Angehörige, die Verhaltensauffälligkeiten melden. "Es ist uns gelungen, die Selbstmordrate im Heer seit 2000 zu halbieren." Deutlich angestiegen seien im selben Zeitraum aber die einschlägigen Ankündigungen.

Ankündigungen, die mittlerweile auch ernst genommen werden. "Dummerweise ist ja immer noch die Ansicht weit verbreitet, jemand, der sagt, er bringt sich um, tut es nicht. Aber das stimmt nicht. Acht von zehn Selbstmördern kündigen ihre Tat oft über Tage und Wochen an." Langer hat deshalb auch die einschlägige Schulung des Kaderpersonals verstärkt. Mittlerweile gibt es mehr als 400 psychologische Ersthelfer im Heer.

Problemberge

Die Suizidmotive lägen praktisch ausschließlich außerhalb des Heeres, das freilich das Problem des Herausgerissensein aus den gewohnten Lebensumständen mit sich bringt. Schulden, familiäre Zerrüttung, und dann laufe einem noch die Freundin davon. Die einzelnen Probleme wachsen zu einem Problemberg, dem der junge Mensch hilflos gegenübersteht. "Wir versuchen, den Berg wieder in die Einzelteile zu zerlegen, ihn so abbaubar zu machen."

Mag sein, dass auch die Gelegenheit Diebe macht. Der Schritt vom Gedanken zur Tat ist, geht man mit einem geladenen Gewehr durch den Wald, wohl kürzer. Und natürlich ist der oft einsame Dienst an der Grenze in vielerlei Hinsicht auch belastend. Aber: "Die Sinnhaftigkeit des Einsatzes ist hier viel unmittelbarer einsichtig als in der Kaserne. Das motiviert."

Und natürlich hilft den jungen Männern auch die Sympathie der Burgenländer. Frauen bringen Mehlspeis' vorbei, ganze Grillhendl wandern spontan zum Marschproviant, im Wirtshaus ist man bald schon auf Du und Du.

Schlepper

Mit zwei Problemen freilich müssen sich die Burschen ganz allein herumschlagen: der Angst vor möglichen Angriffen durch Schlepper. (Langer: "Aber es hat noch nie einen Schusswaffeneinsatz gegeben"). Vor allem aber – darauf weisen die jungen Männer im Gespräch immer wieder hin – mit dem Mitleid. Und dem daraus resultierenden, dienstwidrigen Impuls, die Aufgegriffenen, die als "arme Teufel" wahrgenommen werden, einfach laufen zu lassen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 07.05.2005)

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