Gedenken mit der Bitte um Vergebung in Berlin

11. Mai 2005, 16:15
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Deutsche dürfen keinen "Schlussstrich" unter Erinnerung ziehen, mahnte Bundespräsident Köhler - Tausende verhindern NPD-Marsch durch Berlin

60 Jahre nach Kriegsende dürften die Deutschen keinen "Schlussstrich" unter ihre Erinnerung ziehen, mahnte der deutsche Bundespräsident Köhler, Kanzler Schröder bat um Vergebung. In Berlin verhinderten Tausende einen Marsch der rechtsextremen NPD durch die Stadt.

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Berlin leuchtet. Zwar nicht so hell, wie es sich die Veranstalter erhofft haben aber dennoch deutlich sichtbar. 25.000 Menschen bilden am Samstagabend eine 33 Kilometer lange Lichterkette durch die deutsche Hauptstadt. "Nie wieder Krieg, nie wieder Rechtsradikalismus, nie wieder Rassismus", ist ihre Botschaft.

Diese soll auch vom Brandenburger Tor ausgehen. Ein Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Kirchen hat zum "Tag für Demokratie" aufgerufen. "Ich bin hergekommen, weil wir diesen Platz nicht den Rechten überlassen dürfen,", sagt die Berlinerin Anja Renker. Mit ihren beiden Töchtern stärkt sie sich mit Bratwürsten. Denn bei allem Gedenken - es herrscht hier ein wenig Volksfeststimmung. Luftballons tanzen im Wind, auf der Bühne spielt Musik.

"Demokratie muss wehrhaft sein. Wir werden uns wehren mit demokratischen Mitteln", betont Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und es ist allen klar, wen er damit meint: Jene Rechtsextremen, die am Sonntag in Berlin unter dem Motto "60 Jahre Befreiungslüge - Schluss mit dem Schuldkult" aufmarschieren. Eigentlich wollten sie am Holocaust-Mahnmal vorbei ans Brandenburger Tor ziehen. Doch selbst das Bundesverfassungsgericht hat dies Freitag noch untersagt. Das neue, verschärfte Versammlungsrecht, das Rot-Grün mit CDU/CSU mit Blick auf den 8. Mai noch schnell vor einigen Wochen verabschiedet hat, zeigt Wirkung. Die Würde von Holocaust-Opfern dürfe durch Aufmärsche nicht beeinträchtigt werden, heißt es darin.

Um 14 Uhr hätte sich der Zug von 3000 Rechtsextremen vom Alexanderplatz aus in Bewegung setzen sollen. Aber sie haben keine Chance zu marschieren, weil Gegendemonstranten ihnen den Weg versperren. Rund 6500 Gegendemonstranten versperren ihnen den Weg. "Nazis raus", steht auf ihren Transparenten, einige schwenken die Fahnen der damaligen Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich.

Kein Schlussstrich

Im Bundestag kommen derweil Abgeordnete von Bundestag und Bundesrat zu einem Staatsakt zusammen. "Wir Deutsche blicken mit Schrecken und Scham zurück auf den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und auf den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch Holocaust", sagt Bundespräsident Horst Köhler und warnt vor dem Vergessen der NS-Zeit: "Wir haben die Verpflichtung, die Erinnerung an all das Leid wach zu halten. Es gibt keinen Schlussstrich." Und auch er spricht die "Unbelehrbaren, die zurückwollen zu Rassismus und Rechtsextremismus" an. Sie hätten im Deutschland von heute "keine Chance".

Kanzler Gerhard Schröder fliegt nach der Gedenkfeier gleich nach Moskau, wo er Montag an den Feiern zum Kriegsende teilnimmt. Am Wochenende wandte er sich in der Zeitung Komsomolskaja Prawda an die Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion: "Auch heute bitten wir um Vergebung für das, was den Russen und den anderen Völkern von Deutschen in deutschem Namen zugefügt wurde." (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2005)

Von Birgit Baumann aus Berlin
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    Knapp 3000 Rechtsextreme marschierten in Berlin auf.

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    In Berlin gingen einige Tausend Menschen gegen Neonazis auf die Straße, die bei einer Demonstration ihren „Beitrag“ zum Gedenken leisten wollten.

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