Josef Hader: "Österreich findet im Kopf statt"

6. Mai 2005, 19:06
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Der Kabarettist im STANDARD-Interview über Fremdsein, Österreich-Gefühl im Kopf, Kärntner, Innviertler, und was er seinem Sohn über die Politik beibringen will

STANDARD: Sie sagten einmal, dass Sie sich immer überall fremd gefühlt haben: in der Schule, im Internat - dass Sie sich auch jetzt noch an vielen Orten fremd fühlen...

Hader: Ja, mittlerweile hab ich's mir ja super eingerichtet mit dem Fremdsein. Wenn man das von Kindheit an gewohnt ist, dann ist ja das fast heimeliger und angenehmer als das andere. Mittlerweile ist es so, dass ich das ja zelebriere, dass ich nirgends ganz dazu gehöre. Ich bin Kabarettist, angeblich in Wien, wohne aber in Wiesen. Komme aus dem Waldviertel, bin aber geboren in Oberösterreich, gehöre nirgends dazu, und überall krieg ich Landeskulturpreise... Distanz ist immer sehr hilfreich bei der Satire.

STANDARD: Im heutigen Österreich, fühlen Sie sich da irgendwie fremd fremd?

Hader: Na ja, ich bin in den 70er-Jahren aufgewachsen. Das heißt, ich wurde in der Kreisky-Ära sozialisiert, aber ich komme aus einer richtigen schwarzen Bauernfamilie. Ich denke mir, Fremdheit wäre das falsche Wort für das, wie ich dem Staat und der momentanen Regierung gegenüber stehe, sondern es ist ganz einfach wirklich emotional einen Hass. Wenn zum Beispiel zwei Jahre lang oder noch länger jede Nacht Flüchtlingsfamilien mit Kindern von Ort zu Ort ziehen und nach einem Schlafquartier suchen. Und eine Partei, die sich Christlich nennt, hat einen Innenminister, der so einen Zustand einfach ... da hab ich wirklich einen Hass.

STANDARD: Sie sagen, Robert Musil ist ein Lieblingsautor. Spricht Sie sein "Kakanien" an?



Hader: Was ich immer wieder ganz stark vermute ist, dass man ja ohnehin die Jahrhunderte nie abschütteln kann. Eine Kultur des Lakaientums kann nur entstehen in einer jahrhunderte langen Tradition einer Hof- und Residenzstadt.

STANDARD: Sie sagten, es gibt eine so genannte "österreichische Befindlichkeit", und gerade im Kabarett - das ja doch eher Wienerisch oder Ostösterreichisch ist, und im Westen weniger verwurzelt -da sagt man, es spiegle die österreichische Mentalität und Identität.

Hader: Na ja, das ist eben genau die Grenze von so einem Staatsbegriff, weil "den" Österreicher gibt es nicht, genau so wenig wie es "den" Deutschen gibt. Wenn ich Kärnten und Oberösterreich hernehme: Ich habe politische Diskussionen mit eher am rechteren Rand angesiedelten Menschen gehabt in beiden Bundesländern. Ich muss sagen, es ist so angenehm in Kärnten, dass alles angesprochen wird, und die tragen das alles auf der Zunge und sagen es wenigstens. Im Innviertel, redet man gar nicht drüber, sondern es brütet so vor sich hin, und die sitzen dann am Tisch und reden ganz was anderes, als was sie sich denken. Das sind so Brüter. Das ist so wie niederbayrisch, so innviertlerisch, eine Stunde lang reden sie nichts, und es arbeitet aber in ihnen, Und es ist kein Zufall, sag ich jetzt mal, wo die "Software" hergekommen ist!

STANDARD: "Der Österreicher" ist ein Trugbild?

Hader: Nein, das ist so ein, wie soll man sagen, das ist ein Teil der Wahrheit. Wir haben schon so ein gemeinsames, so ein Österreich-Gefühl. Das ist bei vielen Menschen immer so ... vielleicht ist das wieder östlich gedacht, aber das ist so ein Pendeln zwischen Minderwertigkeit und Arroganz, Selbstüberschätzung. Aber das ist, sag ich auch wieder, viel stärker östlich. Würde ich gefühlsmäßig einfach sagen, dass das im Westen nicht so stark ist. Die fühlen sich überhaupt nicht so stark als Österreicher. Ein Tiroler würde ja zunächst einmal sagen, er ist ein Tiroler, und nicht ein Österreicher. Was ein Niederösterreicher nicht tun würde, der würde sich eher als Österreicher fühlen. Bei mir ist es so, ich hab einen total emotionalen Bezug, eher ein Heimatgefühl vielleicht zu der Gegend, wo ich aufgewachsen bin - das wäre in dem Fall Nöchling. Dann gibt es den Staat Österreich, da ist es so, dass ich sage, den Staat Österreich erlebe ich eher als etwas, wo ich mich ärgere, bzw. um Karl Kraus abzuwandeln, ein Staat ist für mich auch ein bisschen wie eine Wasserleitung, die soll funktionieren.

STANDARD: "...gemütlich bin ich selber".

Hader: Ich mag die Gegenden Österreichs, wo ich herumfahre. Österreich als solches, das ist für mich viel mehr ein Gefühl, das jetzt nicht nur meine Befindlichkeit in dem Staat betrifft, sondern auch die Geschichte. Und das was Österreich überhaupt alles ausmacht im Lauf der Jahrhunderte. Das ist eher so was, was im Kopf stattfindet...

STANDARD: Und Europa ?


Hader: Man muss auch immer dran denken, dass wir, meine Generation, eigentlich die erste Generation ist, für die Österreich auch so selbstverständlich ist. Wir wissen, dass es einmal nicht so war, aber wir fühlen es nicht. Aber nicht so selbstverständlich ist, dass Europa immer stärker zusammen wächst, und dass man sagt, ich bin Europäer: das heißt, ich komme von einem Kontinent mit diesen vielen verschiedenen Ländern, mit diesen vielen verschiedenen Kulturen, wo möglich ist Sizilien und Dänemark... das ist für mich z.B. nicht so selbstverständlich, und das taugt mir total. Da tu ich mir natürlich viel leichter, weil ich das miterlebt habe. Da hab ich diesen grundlosen Stolz, den viele haben, Österreicher zu sein. Da hab ich einen grundlosen Stolz, dass ich Europäer bin, komischer Weise.

STANDARD: Sie sind Vater zweier Söhne: Was bringt man einem Kind bei in Punkto Identität?

Hader: Da komm ich groß ins Nachdenken. Weil das sind so Werte, die absolut nichts mit etwas bestimmten, mit was Österreichischem zu tun haben. sondern Grundwerte. Was ich sicher mache ist, dass ich - mein älterer Sohn ist jetzt 11 Jahre - dass ich ihm das Gefühl gebe, dass mich Politik interessiert, und dass ich den Staat sozusagen beobachte. Und dass das immer fein ist, auch wenn man sich ärgert, und dass das quasi nicht etwas ist, wo ich denke, das ist mir wurscht, und das sind eh alles Trotteln, und dieses Gefühl wo ich mir denke, das ist eine gefährliche Sache. Da werden immer Umfragen gemacht, und Kern der Umfrage ist, sie finden alle Politiker scheiße, wollen aber selber nie in ihrem Leben etwas übernehmen und zu tun haben mit Politik. Und da frage ich mich, was für eine Art von Demokratie wir einmal kriegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.5.2005)

Das Gespräch führte Hans Rauscher
  • Josef Hader: "Ein Staat ist für mich auch ein bisschen wie eine Wasserleitung, die soll funktionieren."
    foto: standard/cremer

    Josef Hader: "Ein Staat ist für mich auch ein bisschen wie eine Wasserleitung, die soll funktionieren."

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