"Ungerecht, Russland allein Vorwürfe zu machen" - Putin: "Unser Volk hat elf Staaten befreit" - Moskau dementiert Ärger über Bush
Moskau/Riga - US-Präsident George W. Bush hat
auf die gemeinsame Verantwortung der Weltkriegs-Alliierten für die
vom Baltikum und Polen beklagte Teilung Europas nach 1945
hingewiesen. Die Sowjetunion, die USA und Großbritannien hätten in
Jalta 1945 eine Entscheidung getroffen, auf Grund derer "die
baltischen Völker in einem System leben mussten, dass sie selbst
nicht gewählt hatten". Das sagte Bush in einem Interview mit dem
Moskauer Fernsehsender NTW, das am Freitagabend ausgestrahlt wurde.
Es sei ungerecht, jetzt allein Russland Vorwürfe zu machen. "Man
muss eingestehen, dass an jenem Tisch (in Jalta) nicht nur der Führer
Russlands saß, sondern auch der britische Premierminister und der
US-Präsident", erklärte Bush. Er rief die baltischen Staaten auf, die
Rechte ihrer russisch-stämmigen Minderheiten zu achten.
Bei seinem Besuch in Riga lobte Bush am Samstag die lettische
Demokratie. "Es ist eine solche Freude in das Land zu reisen, das die
Freiheit liebt und schätzt", sagte der US-Präsident nach einem
Treffen mit Präsidentin Vaira Vike-Freiberga. Gemeinsam mit ihr legte
er Kränze am lettischen Freiheitsdenkmal nieder und gedachte damit
der Opfer, die die Okkupationen Lettlands forderten.
Putin: Entscheidender Anteil Russlands an Sieg über Faschismus
Zum Auftakt der Feiern zum 60. Jahrestag des
Sieges im Zweiten Weltkrieg in Moskau hat der russische Präsident
Wladimir Putin am Samstag ein Denkmal für die sowjetischen Truppen
von 1945 eröffnet. Russland habe entscheidenden Anteil an der
Niederwerfung des Faschismus gehabt, sagte Putin. "Auf einem
gigantischen Schlachtfeld von der Barentssee bis zum Kaukasus wurde
die Militärmaschinerie des Angreifers zerschlagen." Die
Hitler-Truppen hätten an der Ostfront drei Viertel ihrer Verluste
erlitten, sagte Putin.
Putin: "Unser Volk hat elf Staaten befreit"
Putin wies die Kritik an der Besetzung der baltischen Staaten
durch sowjetische Truppen indirekt zurück. "Unser Volk hat nicht nur
sein eigenes Land verteidigt, es hat elf europäische Staaten
befreit", sagte Putin bei der Einweihung des Denkmals der
Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Die Welt habe noch nie einen
solchen "Massenheroismus" erlebt.
Das russische Außenministerium wies am Samstag einen
Zeitungsbericht zurück, wonach sich Moskau über den Besuch von
US-Präsident George W. Bush in Lettland und Georgien beschwert habe.
"Es gab keinen Brief", erklärte ein Sprecher des russischen
Außenministeriums. Die "New York Times" hatte am Freitag berichtet,
der russische Außenminister Sergej Lawrow habe seiner US-Kollegin
Condoleeza Rice einen Protestbrief geschickt. Rice habe geantwortet,
der US-Präsident reise in die Staaten, in die er wolle. Nach Angaben
des russischen Außenamtssprechers telefonierten Lawrow und Rice
kürzlich im Rahmen ihres "regulären Austausches" und sprachen dabei
auch über die Reise Bushs. Dies sei im "vollen Respekt vor dem Recht
der USA auf Gestaltung ihrer Außenbeziehungen" geschehen.
Höchster lettischer Orden für Bush
Bush ist zum Auftakt seines Besuches in Riga mit der höchsten lettischen
Auszeichnung geehrt worden. Bush sei ein Kämpfer für die Freiheit in
aller Welt, würdigte Präsidentin Vaira Vike-Freiberga den
amerikanischen Gast am Samstag bei der Verleihung des
Drei-Sterne-Ordens. (APA/dpa/Reuters/Red)