Pressestimmen: "Abschied beschleunigt"

10. Mai 2005, 06:18
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Internationale Zeitungen zur britischen Unterhaus-Wahl

London/Madrid/Brüssel - Zum Ausgang der britischen Parlamentswahl schreibt am Freitag die internationale Presse:

"The Guardian" (London):

"Der Irak war nicht der einzige Grund dafür, warum die Wähler Labour davongelaufen sind, aber es besteht kaum Zweifel daran, dass Historiker die Wahl des Jahres 2005 einmal als die Irakwahl betrachten werden. Es war die Wahl, bei der ein erheblicher Teil der Pro-Blair-Koalition von 1997 und 2001 weggebrochen ist.

Viele haben mit ihrem Stimmzettel klargemacht, dass sie Blairs Weigerung, in der Irakfrage auf die Nation zu hören, als Scheidungsgrund betrachten. Damit haben sie ihre Hauptziele wohl erreicht: Sie haben eine Gewissensentscheidung getroffen, sie haben die Labour-Mehrheit auf Normalmaß zurechtgestutzt, und sie haben - aller Wahrscheinlichkeit nach - Blairs Abschied aus der Downing Street beschleunigt."

"The Daily Telegraph" (London):

"Es scheint sicher, dass sich Tony Blair früher in den Ruhestand verabschieden wird, als man gestern noch für möglich gehalten haben mag - und wesentlich früher, als er selbst geglaubt hat. Blair hat sich zwar einen Platz im britischen Geschichtsbuch gesichert, indem er Labour drei Mal in Folge zum Sieg verholfen hat. Doch verglichen mit 1997 und 2001 gibt es einen wesentlichen Unterschied: Trotz seiner enormen politischen Fähigkeiten ist Blair ganz klar nicht mehr länger die Trumpfkarte, die er bisher gewesen ist.

Blair mag zum dritten Mal triumphieren, aber er hat die Zeitbombe, die neben ihm in Downing Street Nummer 11 tickt, nicht entschärfen können. Im Wahlkampf ist (Finanzminister) Gordon Brown mustergültig loyal gewesen, aber er hat in der Vergangenheit schon öfters durchblicken lassen, wie ungeduldig er ist. Man wird sich schwerlich darauf verlassen können, dass er noch viel länger auf das Erbe wartet, das er beansprucht."

"El Mundo" (Madrid):

"Tony Blair wird in die Geschichte eingehen als erster Labour-Führer, der drei Mal in Folge die Wahlen gewonnen hat. Er nähert sich damit dem Rekord von Margaret Thatcher, die vier Mal gewann. Blair überzeugt nicht, aber er gewinnt. Er wurde im Wahlkampf von links und rechts angegriffen, die einen und die anderen haben ihm vorgeworfen, sein Land mittels der Täuschungen seiner Berater und des Geheimdienstes in den Irak-Krieg geführt zu haben. Die aggressive Kampagne der Rechten gegen Blair ist gescheitert, weil es sehr schwer war, die Wähler davon zu überzeugen, dass er für einen Krieg bestraft werden musste, den der konservative Herausforderer Michael Howard als Erster unterstützt hat."

"La Libre Belgique" (Brüssel):

"Blair hat während seiner zwei Amtszeiten vier Kriege geführt: im Kosovo, in Afghanistan, in Sierra Leone und schließlich im Irak. Es ist dieser letzte Konflikt, der ihn das Vertrauen einer großen Zahl seiner Wähler gekostet hat. Die Tatsache, dass dieser Katholik sich an die Seite des amerikanischen Präsidenten George W. Bush gestellt hat, um Saddam Hussein zu bestrafen, hat sie weniger aufgeregt. Was viele in dieser überwiegend protestantischen Gesellschaft nicht akzeptieren, ist, dass der britische Premierminister lügen konnte und sich der genannte Hauptgrund - die Anwesenheit von Massenvernichtungswaffen im Irak - als falsch herausstellte."

"Liberation" (Paris):

"Blair wurde ohne Enthusiasmus wiedergewählt - er wird nun ein Premierminister auf Abruf bleiben und dabei vor allem, wie ein amerikanisches Show-Sternchen, dem neuen Labour-Star Gordon Brown den Saal anheizen. Mit dem Krieg im Irak hat er auf tragische Weise sein Paradies der Popularität verloren. Dabei waren die Jahre Blair die liberalsten in der Geschichte der britischen Gesellschaft. Und das Königreich ist heute reicher und dynamischer als es im Jahre 1997 war - und dies dank einer Wirtschafts- und Sozialpolitik, die weit weniger ultral-liberal war, als sie in Karikaturen dargestellt wird."

"Figaro" (Paris):

"Seine Bilanz verdankt Tony Blair zu einem sehr großen Teil seinem Komplizen und Rivalen in der Labour-Partei, Gordon Brown. Während sich dessen französische Kollegen in raschem Rhythmus die Klinge in die Hand gaben, ist der britische Wirtschaftsminister acht Jahre lang auf seinem Posten geblieben. Seine Ausdauer hat sich ausgezahlt, auch wenn er ein Defizit hinnehmen musste, um den öffentlichen Dienst zu modernisieren. Der Labour-Erfolg ist Gordon Brown ebenso zuzuschreiben wie Tony Blair. Der Premierminister war weise genug, dies anzuerkennen und seinem mutmaßlichen Nachfolger im Wahlkampf einen Platz in der ersten Reihe einzuräumen. (...) In Deutschland wie in Frankreich ist der schlechte Zustand der Wirtschaft die Sorge Nummer eins. Tony Blairs Sieg in Großbritannien zeigt uns, dass Maßnahmen dagegen das einzig wirksame Rezept sind."

"La Tribune" (Paris):

"Im jenem Moment, an dem Tony Blair - seit acht Jahren der Bewohner von Downing Street 10 - sein drittes Mandat als britischer Premierminister erhält, feiert Jacques Chirac seine zehn Jahre im Elysee-Palast. Die Parallele tut weh. Denn während der Premier das Vereinte Königreich auf die Schiene des Wachstums gestellt, die Arbeitslosigkeit und sogar die Armut reduziert hat (...), ist der zweite von einer so brillanten Bilanz weit entfernt. Der Vergleich des (...) Frankreichs vor zehn Jahren mit dem heutigen Frankreich ist nicht gerade schmeichelhaft."

"La Repubblica" (Rom):

"Der politische Preis, den Tony Blair für seinen unbeliebten Krieg im Irak und die damit verbundenen Lügen - um diesen zu rechtfertigen - zahlt, erscheint nach den ersten Prognosen sehr hoch. Höher als erwartet. (...) Ein Verlust, der (...) ihm zwar in der nächsten Zukunft nicht verbieten wird zu regieren, aber der seine Position als Premierminister zerbrechlich macht. So zerbrechlich, dass dies die Möglichkeit, bis zum Ende der dritten Legislatur zu kommen, einschränken könnte. (...) Die absolute Mehrheit der Labour-Partei scheint zwar ansehnlich zu sein und würde in anderen Parlamenten beruhigend wirken. Nicht aber in Großbritannien, wo das Wahlsystem den Gewinner generell großzügig belohnt."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Ganz unbeschadet hat der zum dritten Mal gewählte Premierminister diesen letzten Urnengang allerdings nicht überstanden. Sein Wähleranteil ist laut ersten Hochrechnungen um einiges gefallen, seine Fraktionsstärke sogar drastisch geschrumpft. Ein gewisser Abnutzungseffekt, vor allem aber weit verbreiteter Unmut mit seiner Irak-Politik, hat offenkundig zu dem bescheideneren Ergebnis geführt. Mag sein, dass diese Einbußen nun Blairs eigenen Abgang beschleunigen werden. Fürs Erste aber hat Tony Blair, zusammen mit Schatzkanzler Gordon Brown, der Labour Party eine neue Amtszeit in Downing Street besorgt. Anderswo in Europa muss ein solcher Erfolg ja puren Neid erwecken. Was hat Labour zu diesem Erfolg verholfen? Die Tories boten, auch nach acht langen Jahren, keine echte Alternative. (...) Die Liberaldemokraten schlugen sich wacker, bleiben im Ergebnis aber hinter den Erwartungen zurück. Statt für die Wende haben die Briten für weiteren Wandel gestimmt." (APA/dpa)

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