Hofkatze

9. Mai 2005, 09:09
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Es war heute. Zuerst ist es uns gar nicht aufgefallen. Vielleicht ja auch, weil wir das Bild so gewohnt sind

Es war heute. Zuerst ist es uns gar nicht aufgefallen. Vielleicht ja auch, weil wir das Bild so gewohnt sind. Aber B., die mit uns auf dem Klopfbalkon saß, begann sich zu wundern. Und dann sahen wir auch hin.

Es war ein fade-träger Feiertag. Wir hatten nichts zu tun: Wir saßen am Stockwerks-Klopfbalkon, am Fensterbrett oder auf auf den Gang geschleppten Pölstern, und taten genau nichts: Cat-Watching kam gerade recht.

Viertstundentakt

Denn die Katze von der anderen Stiege kam alle Viertelstunden vorbei. Nicht zu uns. In den Hof. Sie steckte den Kopf durch die Tür und huschte dann unter den ersten Busch. Von dort hopste sie von Busch zu Busch, von Staude zu Staude, schnüffelte, kratze und kaute an irgendeinem Stängel - und verschwand dann wieder dorthin, wo sie hergekommen war.

Wobei „verschwand“ nicht stimmt: Die kleine rotblonde Katze hockte sich vor die Tür und schaute nach oben – und bevor sie „Maunz“ machen konnte, war da schon der Lift. Tür auf, Katze rein, Lift ab. Zurück in den dritten Stock, vis a vis von unserem Klopfbalkon.

Schlüsselkatze

B. war neidig: Sie, rügte sie uns, müsste immer zu Fuß gehen. Wir würden nie den (schlüsselbedürftigen) Lift für sie schicken. Aber die Nachbarin hole für ihr Tier vier Mal pro Stunde den Lift, schicke das Tier in den Hof, warte, bis das Tier seine Runde absolviert hatte, riefe den Lift zu sich herauf und schicke ihn wieder hinunter (weil sich anders die Tür für den Feliden ja nicht öffnen würde) und hole dann das Tier wieder herauf.

Beim neunten Mal raffte sich B. auf, schnappte meinen Liftschlüssel und fuhr in den Hof. Sie wollte, sagte sie, die Katze abpassen. Ihr ins Gewissen reden. Dass das so nicht gehe. Dass eine anständige Katze faul auf dem Fensterbrett zu liegen habe. So wie die anderen Katzen im Haus (die sahen der Rotblonden so gelangweilt zu wie wir). Oder aber sie solle Mäuse jagen und Ratten verscheuchen.

Aber daraus wurde nichts: Die Katze traute sich nicht aus dem Lift als B. im Hof stand. Sie – die Katze – drückte sich ins Aufzugseck und maunzte bis ihre Besitzerin sie nach oben holte, auf den Arm nahm und ihr beruhigend ins Ohr flüstere , während sie am Gang der anderen Stiege zurück in die Wohnung ging.

B. erzählte, dass an der Hoftür ein Zettel gehangen habe: „Warnung: Bitte nicht erschrecken – mein sehr neugieriger und verspielter Kater treibt im Hof sein Unwesen“. Daneben sei ein rotblondes Katzenbild gewesen. Als die Katzenfrau für die nächste Tour zum Lift ging, rief B. über den Hof, was der Zettel solle. Oder ob sich vielleicht eine zweite, weniger feige Katze im Hof versteckte.

Katzenerziehung

Die Katzenmami seufzte: Nein, rief sie zurück, mit dem Zettel sei schon ihr Kater gemeint. Sie versuche, ihn zu erziehen. Dazu, weniger Angst zu haben: In den Hof schaffe er es. Doch vor dem Aquarium in der Wohnung habe er Angst. Vom Staubsauger ganz zu schweigen. Insgeheim, sagte die Katzenfrau, hoffe sie, dass ihr Kater lesen könne. Und ihn irgendwann der Ehrgeiz packe. Aber viel Hoffnung, sagte sie und drückte auf den Liftholknopf um das Tier zurück zu holen, habe sie da eigentlich nicht mehr.

Dann ging sie mit der Katze zurück in die Wohnung. Kurz vor der Tür blieb sie stehen und rief noch einmal aus dem Fenster: Es sei schön gewesen mit uns zu plaudern - es sei zwar schon fünf Uhr am Nachmittag, aber wir seien seit zwei, vielleicht drei, Tagen die ersten Menschen, die sie bemerkt hätten. Nur ihr Kater, sagte die Frau, der sei immer für sie da. Da könne sie ihm schon hin und wieder den Lift holen.

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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