"Wir Deutschen waren am Ende die Besiegten"

25. Mai 2005, 18:07
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In den letzten Kriegstagen gehörte Gisela Stange zu Hitlers Volkssturm. Die damals 15-Jährige hat den Kampf um Berlin verletzt überlebt - und schaffte es auch, den Russen zu entkommen

An den Tag, der ihr den Krieg umso vieles näher brachte, kann sich Gisela Stange noch gut erinnern: "Mutti war so komisch." Und sie hatte einen Einberufungsbefehl für ihre Tochter in der Hand. "Zuwiderhandlung wird mit dem Tod bestraft", stand unter diesem. Gisela sollte als Flak- und Waffenhelferin nach Prag geschickt werden - ein Schock für die ganze Familie.

Um dem zu entgehen, gab es für die damals 15-jährige Berlinerin nur eine Möglichkeit: Sie meldete sich freiwillig zum Katastropheneinsatz. In den letzten Kriegstagen musste sie als so genanntes "Gesundheitsmädel" in einem Berliner Krankenhaus Verwundete versorgen.

Die Russen kommen

"Erst da merkte ich richtig, dass Krieg war und was es bedeutet", sagt sie. Unter den Verletzten waren viele 14- und 15-Jährige, Hitlers letztes Aufgebot für die Schlacht, die um Berlin tobte. Und dann, eines Tages, gellte ein Schrei durch das Krankenhaus: "Die Russen sind da!" Wer noch halbwegs laufen konnte, rannte aus dem Krankenhaus, viele Schwerverwundete schafften es nicht und mussten zurückbleiben.

Stange hastete Richtung Innenstadt. Ein Wehrmachtssoldat, der an einem Baum hing, ist ihr noch in Erinnerung. Er hatte ein Schild um: "Ich war zu feig, meine Heimat zu verteidigen." Ein Stückchen weiter kamen die Flüchtenden an einem Lager von Karstadt vorbei. "Da waren so schöne Schuhe, die wollten wir nicht den Russen überlassen", erzählt Stange.

Sie warf ihre alten Treter weg und rannte in neuen Stiefeln weiter - runter in den U-Bahnschacht. Jedes Mal, wenn sie den Schacht verließen, kamen sie und ihre Begleiter unter Beschuss.

"Das Entsetzlichste war, dass Menschen neben mir plötzlich tot zu Boden sanken", erinnert sich Stange. Ihr selbst wurden sechs Feldflaschen zerschossen, und schließlich streifte sie ein Schuss am Kopf. "Wenn ich meinen Stahlhelm aufbehalte, kann mir nichts passieren", dachte sich die 15-Jährige und floh blutüberströmt weiter Richtung Norden. Nachts, als es dunkel war, stieg die Gruppe aus dem U-Bahn-Schacht - und blickte geradewegs in die Maschinenpistolen russischer Soldaten. "Da wusste ich, dass der Krieg ist zu Ende und wir Deutschen waren die Besiegten", sagt Stange.

In Gefangenschaft

Die 15-Jährige wurde zusammen mit den anderen in eine Fabrik getrieben. Dort jagte bereits ein Gerücht das andere: Sie alle kämen nach Sibirien. "Wir waren völlig fertig und ohne Selbstwertgefühl", beschreibt sie diese Stunden. Nach ein paar Tagen ging es zu Fuß aus Berlin hinaus, Richtung Osten, Richtung Frankfurt an der Oder. Außerhalb von Berlin nahm sie allen Mut und alle Kraft zusammen und ließ sich in einem unbeobachteten Moment in den Straßengraben fallen, wo sie auf lauter Leichen landete.

Doch niemand bemerkte die Flucht des Mädchens, und so konnte sich Gisela Stange nach Hause durchschlagen. Ihre Mutter hielt sie zu diesem Zeitpunkt schon für tot. Denn auf der Suche nach ihrer Tochter hatte sie in der Nähe von Karstadt nur noch ihre alten Schuhe gefunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2005)

Birgit Baumann aus Berlin

Gisela Stange hat ihre Erinnerungen an den Krieg in Büchern beschrieben. Die vier Bände erschienen in der Reihe "Nur eine Berlinerin" bei "Books on Demand" (BoD).
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