"Zentrales Ereignis im nationalen Bewusstsein"

25. Mai 2005, 18:07
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Der Direktor des renommierten Moskauer Meinungsforschungsinstitutes Lewada-Center, Lew Gudkow, schildert, wie es um die russische Erinnerungsarbeit zum Zweiten Weltkrieg bestellt ist

STANDARD: Was bedeutet der Zweite Weltkrieg für Russen?

Gudkow: Er ist das zentrale Ereignis im nationalen Bewusstsein, eine Stützsäule, die die gesamte Struktur der nationalen Identität trägt. Und je weiter wir von ihm entfernt sind, umso stärker wird sein symbolisches Gewicht. Es geht nicht um den Krieg sondern um den Siegeskult. Mit dem Fall der UdSSR ging ja auch das einstige Gefühl der Stärke verloren. So wächst die Nostalgie.

STANDARD: Hat sich die Erinnerung im Laufe der Jahre gewandelt?

Gudkow: Die Kriegsgeneration tritt allmählich ab, was sie durchlebt hat, wird nicht weitergetragen. Von ihr leben noch etwa sechs bis sieben Prozent, hauptsächlich Frauen mit niedriger Bildung auf dem Land. Die kollektive Erinnerung wird für sie nur in den TV-Ritualen oder bei Feiertagen reproduziert. Ich habe erlebt, dass eine Gruppe von Frauen bei der Erwähnung des Krieges hysterisch zu heulen begann. Nicht verwunderlich, denn die Erinnerung an den ungeheuerlichen Preis dieses Sieges, das Massenleiden mit 27 Millionen Toten, wurde in das Unbewusste abgeschoben. In den kollektiven Ritualen werden diese Momente ja ausgeblendet.

STANDARD: Welche Lücken gibt es sonst noch?

Gudkow: Eine Rechenschaft der Staatsmacht für so ungeheuerliche Opferzahlen. Ursache und Initiatoren des Krieges werden ausgeblendet. Russland sieht sich als Opfer, verdrängt ist, dass die Sowjetunion sich gemeinsam mit Hitlerdeutschland gegen Polen verbündet hat. Selbst unser Angriff auf Finnland und laut Putin auch die Annexion des Baltikums werden als prophylaktische Erhöhung der nationalen Sicherheit gedeutet. Überhaupt arbeitet Putin einer Vergangenheitsbewältigung entgegen.

STANDARD: Ist eine Rationalisierung des Themas für ihn auch politisch gefährlich?

Gudkow: Zweifellos. Sein Image als nationaler Leader baut auch darauf, die von Jelzin unterbrochene Verbundenheit der russischen Gegenwart mit der sowjetischen Vergangenheit herzustellen.

Das will die alte Generation, aber auch ein ziemlich großer Teil der Jugend, die ja diese alten Mythen in Schule, Armee und Presse aufsaugt und stark xenophob sowie antiwestlich ist. Am wenigsten bedeutend ist es für die Generation mittleren Alters. STANDARD: Was hindert einen heute daran, eine andere Sprache für den Krieg zu finden?

Gudkow: Ich denke, der unendlich tiefe Zynismus, der sich bei uns ausgebreitet hat als Reaktion auf den Misserfolg der Modernisierung und der Integrationsbestrebungen in Europa, der Reformen. Man hat es satt.

STANDARD: Stört die ausbleibende Reflexion die Entwicklung des Landes?

Gudkow: Ja, denn ohne Neubewertung des Krieges nehmen wir die Realität nicht adäquat wahr: das Bewusstsein der geschlossenen Gesellschaft, ständig im Verteidigungszustand; das Gefühl des Opfervolkes, dem niemand Gutes will. Das traditionelle Gefühl der Minderwertigkeit im Vergleich mit Europa wird in ein Gefühl der Auserwähltheit umgedeutet. Dazu die alte Imperialtradition, die die Militärs als tragende Säule des Staates sieht. Der Krieg ist Bestandteil der Staatsstruktur selbst, die so die Bewahrung aller repressiven Institutionen rechtfertigt. Unsere Armee hat die Ziele, Feindbild und Ideologie nicht geändert. Die Generalität kämpft immer noch mit dem Westen.

STANDARD: Zeigen Ihre Umfragen eine Bereitschaft Russlands, sich für etwas in der Geschichte zu entschuldigen?

Gudkow: Eindeutig nein. In Osteuropa ganz sicher nicht. Im Gegenteil, man versteht nicht, dass sie uns nicht lieben, wo wir sie doch befreit haben. Positiv ist, dass es gegenüber den Deutschen keine Feindseligkeiten mehr gibt. Dafür sind die Gegner Amerika, China und Israel. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2005)

Zur Person
Der Soziologe Lew Gudkow (geb. 1946) forschte seit 1988 im neu gegründeten "Allrussischen Meinungsforschungsinstitut". Unter Putin geriet dieses Institut politisch unter Beschuss. Es ging den Weg in die Privatisierung, wurde zum Namenswechsel gezwungen und heißt jetzt "Lewada-Center". Gudkow leitet die Abteilung für sozialpolitische Forschung.
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