Triumph und gemischte Gefühle

9. Mai 2005, 09:44
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53 Staatschefs gedenken auf Einladung Russlands am 9. Mai in Moskau des Kriegsendes - Siegesfeier erregt den Unmut jener Staaten, die unter Hitler und unter Stalin litten

Wenn Russland feiert, steht vieles still. Seit einer Woche sind stundenlang große Straßen in Moskaus Stadtzentrum gesperrt. Geprobt wird das große Fest, das am 9. Mai auf dem Roten Platz gefeiert wird. 60 Jahre Kriegsende, 60 Jahre Sieg über den Faschismus. Mit der landesüblichen Gigantomanie wird Präsident Wladimir Putin des historischen Tages gedenken, der größte Auftritt in seiner fünfjährigen Amtszeit, 58 Staatschefs aus aller Welt hat er eingeladen, 53 haben ihre Teilnahme zugesagt. Einige bleiben demonstrativ fern.

Nach einer Reihe außenpolitischer Fehlgriffe nutzt Russlands Führung den Jahrestag auch zur Aufbesserung seines Images. Man will vor der Welt daran erinnert haben, dass die Sowjetunion einen entscheidenden Beitrag zur Bezwingung des Faschismus geleistet hat. 27 Millionen Sowjetbürger haben ihr Leben gelassen.

Symbol Stalingrad

In der Hölle von Stalingrad hat man 1943 dem Krieg eine Wende gegeben, über eine Million toter Sowjetsoldaten allein dort, dazu Hunderttausende der Zivilbevölkerung. Stalingrad wurde zum Symbol des entschlossenen Widerstandes. Nichts hat die Bevölkerung im 20. Jahrhundert mehr zusammengeschweißt als dieser Krieg, den man nicht als "Zweiten Weltkrieg", sondern als "Großen Vaterländischen" bezeichnet. Einer jüngsten Umfrage zufolge ist er der einzige seit Beginn des 20. Jahrhunderts, den die Russen als gerecht einstufen.

Das Gedenkjahr hat noch einen anderen Aspekt. 1945 war auch die Geburtsstunde der Großmacht. Als "größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts" hat Putin den Fall der Sowjetunion bezeichnet und wieder angedeutet, wes Geistes Kind er ist. Schon zuvor hatte er dem Land sowjetische Symbole, wie die Hymne, zurückgegeben und sich den Applaus derer geholt, die in der Demokratie verloren haben.

Für die noch lebenden Veteranen ist die Siegesfeier der letzte große Auftritt, wenn sie in 140 historischen Lastwagen über den Roten Platz fahren und 7000 junge Soldaten als Zeichen der historischen Kontinuität hinter ihnen marschieren.

Russland hat ein Jahrhundert des Leidens hinter sich. Aber es hatte zusätzlich zum Hitlerregime auch selbst zahlreiche Akteure, die dieses Leid verursacht und über die Landesgrenzen getragen haben. Diese Aufarbeitung steht in Russland aus.

Genau das ist auch der Grund, dass mittel- und osteuropäische Staatschefs nicht oder mit gemischten Gefühlen an der Feier teilnehmen. In ihren Ländern folgte auf das Kriegsende das stalinistische Schreckensregime und der sowjetische Totalitarismus. Zwischen 10 und 20 Prozent der baltischen Bevölkerung waren unter Stalin vernichtet worden. Als fatal gilt der Hitler-Stalin-Pakt, in dessen geheimem Zusatzprotokoll Osteuropa auf-, und das Baltikum Stalins Einflussgebiet zugeteilt wurde. Litauens und Estlands Staatschefs werden nicht nach Moskau fahren.

Die Balten verlangen, dass Russland den Stalinismus verurteilt und die Eingliederung des Baltikums in die Sowjetunion als "Okkupation" anerkennt. Dies umso nachdringlicher angesichts restaurativer Tendenzen in Russland.

In einem Brief an Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga hat US-Präsident George Bush seine Unterstützung für eine historische Neubewertung der baltischen Geschichte bekundet. Eine gleiche Erklärung des EU-Vizepräsidenten Günter Verheugen folgte auf dem Fuß.

Ungehalten über den russischen Umgang mit Geschichte ist auch Polen. Zur Teilung des Landes kam die Vernichtung der Intellektuellen und das Massaker von Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst 1940 an die 22.000 polnischen Offiziere und Zivilisten ermordet hat. Russland hat die Akte vor Kurzem wieder geschlossen. Viele andere Akten wurden bis heute nie geöffnet. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2004)

von Eduard Steiner
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    Archivbild vom 2. Mai 1945: Der Soldat Militon Kantarija aus Georgien hisst die sowjetische Fahne auf dem Berliner Reichstag. Das Ereignis fand zuerst - ohne Fotografen - am 30. 4. 1945 statt und wurde dann später nachgestellt.

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