Nur 1263 Fälle von Kinderlähmung

12. Mai 2005, 12:19
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Geplante Ausrottung der Poliomyelitis durch Impfkampagnen jedoch gescheitert

Seit genau einem halben Jahrhundert gibt es einen Impfstoff gegen Kinderlähmung (Poliomyelitis). Grund genug, die Erkrankung zum Hauptthema der kürzlich in Frankreich stattgefundenen Bio-Vision, Weltforum für Lebenswissenschaften, zu machen.

Seit ihrer Gründung im Jahre 1999 vereinte Bio-Vision zum vierten Mal Konsumenten, Wissenschafter, Industrielle (insbesondere der Pharmazie) und politisch Verantwortliche zu Diskussionsforen. Heuer reisten rund 4500 Teilnehmer, darunter ein Dutzend Nobelpreisträger, zu der von der französischen Akademie der Wissenschaften organisierten Tagung nach Lyon.

1955 wurde der erste Bericht über die erste weit gestreute Impfaktion gegen Kinderlähmung veröffentlicht. Jonas Salk hatte den Impfstoff in Zusammenarbeit mit dem Pharma-Laboratorium Charles Mérieux entwickelt. Die Salk-Impfung, deren Entwicklungs- und Versuchsphasen vierzig Jahre gedauert hatte, wurde vor 50 Jahren 1,8 Millionen Kindern injiziert.

Der Nobelpreisträger für Medizin des Jahres 1977, Roger Guillemin vom Salk Institute, referierte über die Ausmaße und Auswirkungen der Kinderlähmung, solange der Impfstoff nicht existierte. Wobei er an eine Epidemie in den USA im Jahre 1952 erinnerte, bei der 58.000 Menschen erkrankten, 25.000 von ihnen starben. Die Salk-Impfung, gefolgt von der Schluckimpfung, stellt nach wie vor den besten Schutz gegen die das Rückenmark angreifende Poliomyelitis dar. Sie wurde von den Rednern als eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts angesehen - vergleichbar mit der ersten Landung eines Menschen auf dem Mond oder dem ersten Nonstopflug über den Atlantik.

Die WHO lancierte 1988 eine weltweite Kampagne zur definitiven Bekämpfung der Kinderlähmung, der damals noch 50.000 Kinder zum Opfer fielen. Dank dieser konnte die Krankheit im Jahre 2004 auf 1263 Fälle weltweit beschränkt werden.

Finanzielles Manko

Ihre geplante endgültige Ausrottung ist jedoch einerseits durch die Impfverweigerung einiger Bewohner im Norden Nigerias - von wo das Virus wieder auf andere Länder übergriff - unterbunden worden. Andererseits erweisen sich die finanziellen Mittel als nicht ausreichend, um in den Ländern, wo das Virus noch existiert, flächendeckende Impfkampagnen durchzuführen.

Mehrere Redner kamen auf einen paradoxen Aspekt der Impfung zu sprechen: Dadurch, dass die Krankheit in den hoch entwickelten Ländern heutzutage nicht mehr vorkommt, reduziert sich die Bereitschaft von Regierungen und anderen Geldgebern zur Finanzierung von Impfaktionen in unterentwickelten Gebieten radikal. "Aufgrund der Effizienz der Impfstoffe verlieren die Menschen die Angst vor den Krankheiten", formulierte einer der Vortragenden.

Zu Beginn der Bio-Vision verteilten sich die Referenten in vier Arbeitsgruppen. Ein Forum behandelte den unterschiedlichen Zugriff auf neue Medikamente und Impfstoffe im Norden und Süden: Vier Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu den für sie nötigen Medikamenten. Und nur zwölf bis fünfzehn Prozent der Erdbewohner profitieren wirklich von den Fortschritten der Forschung.

In einem anderen Workshop wurde die Zukunft der Agrikultur behandelt, die bis 2050 neun Milliarden Menschen ernähren soll. Ein Forum war den klimatischen Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit gewidmet: Das Ansteigen des Meeresniveaus könnte bis 2050 die Umsiedlung von 150 Millionen Menschen verursachen, was die größte Anzahl von Flüchtlingen in der Menschheitsgeschichte ausmachen würde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 5. 2005)

Von Olga Grimm-Weissert aus Lyon
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