Kopf des Tages: Ex-Spaßmacher will ernsthaft an die Macht

9. Mai 2005, 17:22
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Guido Westerwelle wurde als FDP-Chef bestätigt

Der neue Chef der FDP ist auch der alte: Guido Westerwelle wurde in seinem Amt bestätigt und ist somit seinem großen Ziel wieder ein bisschen näher gekommen. Als FDP-Spitzenkandidat will er bei der Wahl 2006 Rot-Grün aus dem Amt jagen.

Das hätte eigentlich schon bei der letzten Bundestagswahl klappen sollen. Aber da ist einiges schief gegangen, und deshalb will es Westerwelle diesmal anders angehen. Spätestens seit gestern ist bei den deutschen Liberalen nämlich Schluss mit lustig. Der Chef gibt sich jetzt seriös und nicht mehr spaßig.

Böse Zungen behaupten ohnehin, der heute 43-Jährige sei schon mit dem Aktenkoffer auf die Welt gekommen - so zielstrebig hat er immer schon an seiner Karriere gebastelt. 1980 trat er in die FDP ein und gründete die Jungen Liberalen ("Julis"). Deren Chef war er von 1983 bis 1988, und seither ging es in seiner Karriere steil nach oben. 1988 Mitglied des Bundesvorstandes, 1993 Kreisvorsitzender der Bonner FDP, 1994 Generalsekretär der Bundespartei - so lauten die Stationen seiner Laufbahn, die im Mai 2001 ihren vorläufigen Höhepunkt hatte: Der Jurist löste Wolfgang Gerhardt als FDP-Chef ab und betonte seinen alleinigen Führungsanspruch selbstbewusst mit den Worten: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt - und das bin ich."

Anfangs waren seine Parteifreunde recht angetan, zumal es der stets durchgestylte Westerwelle auch verstand, die Botschaft der FDP (mehr Eigenverantwortung, weniger Steuern) kurz und knapp vorzutragen. Doch vor der Wahl 2002 wurde er ein wenig übermütig und rief die FDP zur Spaßpartei aus. "Auffallen um jeden Preis" war das Motto des ehrgeizigen Rheinländers. Bier trinkend saß er im Container von "Big Brother", die Zahl 18 (das Wahlziel) ließ er sich auf die Schuhsohlen kleben und hielt diese in die Kameras. Als er sich auch noch zum Kanzlerkandidaten ausrufen ließ, hatte das den Ruch des Größenwahns.

Gebracht hat es wenig: Die FDP schnitt bescheiden ab, Rot-Grün blieb im Amt - und die Kompetenzen des vormaligen Hoffnungsträgers wurden in der FDP angezweifelt. Das Umdenken kam, als sein Parteikollege Jürgen W. Möllemann im Sommer 2003 mit dem Fallschirm in den Tod sprang. Westerwelle zog sich zurück, um den Schock zu verarbeiten. Im Juli 2004 machte er noch einmal mit seinem Privatleben große Schlagzeilen: Er bekannte sich zu seiner Homosexualität.

Seither bemüht sich Westerwelle um ein seriöses Image. Im Bundestagswahlkampf will er auf Sachthemen wie Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik setzen. Doch er muss nicht nur Wähler überzeugen, sondern auch Kritiker in den eigenen Reihen. Manchen dort gilt er immer noch als "Leichtmatrose". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. Mai 2005)

Von Birgit Baumann
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