Im Operationskalender

5. Mai 2005, 19:27
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Ein Kommentar zum Ortstafelstreit - Von Samo Kobenter

Nicht dass es sehr überraschend gekommen ist, dass Jörg Haider die Konsenskonferenz zur Ortstafelrunde platzen lässt. Mit dem Stand nach der letzten Runde, den Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als "Zwischenergebnis" schönreden wollte, hatte Haider die Angelegenheit inhaltlich in das Jahr 1977 zurückkatapultiert. Dort ist sie nun auch strukturell angekommen. Jetzt wird wieder in jeder einzelnen Gemeinde darüber gestritten, ob eine zweisprachige Ortstafel aufgestellt werden soll. Alle Verhandlungen seither, alle Schlüsse aus dem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes sind für den sprichwörtlichen Hugo, der auf Slowenisch auch nicht anders heißt.

Lustig ist, wie das Bundeskanzleramt offiziell auf die ärgerliche Post aus Kärnten reagierte. Man brauche nur noch ein bisserl Zeit, um ein paar "vertrauensbildende Maßnahmen" setzen zu können - "im Sinn des Operationskalenders". Das ist wirklich Humor auf höchstem Kanzlistenniveau: Welches Vertrauen soll denn gebildet werden, wenn nach 28 Jahren des Streites wieder dort begonnen wird, wo der Streit seinen Ausgang genommen hat? Hätte Dummheit eine Hermeneutik, das wäre ihr perfekter Zirkel: Die Nichtverstehenden hätten durch ihre Verweigerung der Erfahrung zusätzliches Unwissen über den Gegenstand ihres Unverständnisses erworben.

Die Frage ist auch nicht, was operiert werden soll, sondern wer: Die Slowenen dürfen sich schon einmal unter das Messer legen, bis Herbst ist dann alles verheilt. Denn, so Haider großzügig in Richtung Schüssel, bis dahin wird man sich geeinigt haben. Ja, sicher. Bis dahin wird Haider sein weltoffenes BZÖ in Kärnten dort aufgestellt haben, wo die weltoffene FPÖ schon immer war. Und Schüssel bleibt vielleicht ein kleiner Nachschlag für das Gedenkjahr, Staatsvertrag und so. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. Mai 2005)

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