Deutsche Moral fürs Kapital?

5. Mai 2005, 19:22
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Zu Münteferings Entdeckung der "Unternehmerethik" - Ein Kommentar der anderen von Alfred Pfabigan

Franz Müntefering hat sich wieder einmal neu positioniert. Er, der noch 2003 das Wort "Neoliberalismus" als inhaltslosen politischen Kampfbegriff bezeichnet hat, profiliert sich jetzt als radikaler Kritiker der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohn-Länder. Das ist keine neue Position, sondern gehört, von Z wie Ziegler (Jean) abwärts, zum Repertoire jedes globalisierungskritischen Paperbacks. Neu ist, dass ein Spitzenpolitiker sich so entschieden äußert, neu ist die aggressive Wortwahl mit dem Bild von den "Heuschreckenschwärmen", neu - und interessant - ist vor allem der starke moralisierende Akzent in Münteferings Anklagen.

Die Wirtschaftsethik erlebt gerade eine Konjunktur, und Müntefering will's einfach wissen: "Was sagt die Unternehmerethik?". Die Zeit hat das ernst genommen und bat den Fragesteller ihrerseits um Aufklärung, warum es eigentlich unmoralisch sei, eine Firma aus dem reichen Südbayern ins arme Nordchina zu verlegen?

Dahinter steht die in der internationalen Ethik-Diskussion weithin akzeptierte Position des Utilitarismus: Eine Handlung ist gerechtfertigt, wenn sie die Summe des in der Welt vorhandenen Glückes vergrößert. - Kann man sagen, dass das auf das gegenständliche Beispiel zutrifft, dass also ungeachtet der unleugbaren Glücksreduktion in Südbayern in Nordchina Menschen eine Glückschance erhalten, die sie ansonsten nicht gehabt hätten? - Darüber ließe sich trefflich diskutieren. Aber nicht mit dem "Unternehmerethiker" Müntefering: Das Problem ist für ihn irrelevant, er sei in Deutschland Politiker, habe die Interessen deutscher Arbeitnehmer zu vertreten und wolle daher, dass die Arbeitsplätze im Land bleiben. Punkt.

Was das mit Moral zu tun haben soll, erscheint rätselhaft. Die Zeit versucht dennoch eine Antwort und kommentiert die Aussage Münteferings mit den Worten "Sie vertreten eine Nationalmoral". - Ein spannendes Lektüreerlebnis, man erwartet einen Aufschrei der Entrüstung oder zumindest eine Relativierung, doch dann kommt die große Überraschung: ein knappes "Das akzeptiere ich".

Eine deutsche Nationalmoral, vertreten von einem der mächtigsten Männer der Bundesrepublik im Zeitalter der Globalisierung und der europäischen Integration?! Kurz ist man geneigt zu vermuten, dass da ein nicht wirklich informierter Politiker einer journalistischen Provokation aufgesessen ist, was er später bedauern wird. Aber nein, Müntefering setzt mit entwaffnender Ehrlichkeit noch eins drauf: "Dass es irgendwo auf der Welt andere Interessen gibt, kann ja sein."

Kommt einem das nicht bekannt vor? Wird da nicht einfach im Gewand einer moralisierenden Globalisierungskritik der gute alte deutsche Sonderweg gepriesen? In der Stunde der Gefahr wollte schon die Reichstagsfraktion der SPD 1914 das "eigene Vaterland" nicht im Stich lassen - entgegen der Parteilinken, die jetzt Müntefering feiert, und ungeachtet unzähliger vorheriger internationaler Festlegungen zum Kampf gegen den Krieg. Wie in der Weltkriegspropaganda gibt es auf einmal wieder das üble Gegensatzpaar "national" versus "asozial".

Viele Kommentatoren freuen sich: Müntefering hätte eine längst fällige Debatte um die Auswüchse der Marktwirtschaft angestoßen. Tatsächlich hat er die Debatte erschwert. Jenes "Ganze", um das es in der Globalisierungsdebatte ja zwingend geht, hat Müntefering einfach unter den Tisch fallen lassen: Unmoralisch ist alles, was deutsche Arbeitnehmer schädigt. Dass es irgendwo andere Interessen gibt, zählt nicht.

Mit seiner neuen "Unternehmerethik" hat Müntefering ein altes Vorurteil der Neoliberalen bestätigt: Die Globalisierungsgegner sind die sich hilflos fühlenden Besitzstandswahrer, und wenn ihnen nichts Bessres einfällt, greifen sie zur Moralkeule.

Das moralische Argument hat in der Globalisierungsdebatte durchaus einen Stellenwert, Müntefering aber hat es unleugbar beschädigt. Denn wer will sich schon mit einer protektionistischen deutschen Nationalmoral herumschlagen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. Mai 2005)

Der Autor lehrt Sozialphilo- sophie und Politologie an der Universität Wien.
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