Heut' sind wir Burgtheater!

5. Mai 2005, 18:40
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Elfriede Jelineks hochbrisanter Text am Grazer Theater im Bahnhof

Das TiB, das Theater im Bahnhof in Graz, spielt ein wenig mit Elfriede Jelineks hochbrisantem Text "Burgtheater" - hat viel Spaß dabei und verliert irgendwo am Anfang der drei Stunden das Stück. Nicht die gute Laune. Hurra!


Graz - An manchem Abend stehen auf der Bühne Darsteller, die sich der grämlich im Publikum sitzende Eigenbrötler sofort als Angehörige einer WG imaginiert. Liebenswerte, umgängliche, sorglose und hilfsbereite junge Menschen, wie sie die Gesellschaft sicherlich benötigt. Weniger das Theater. Denn meistens gleichen die Inszenierungen, die die Schauspiel-WGs in langen, kompromissbereiten Gesprächen hervorbringen, dem Schwarztee in der Kanne, die auf dem gemeinsamen Küchentisch steht: ein Beutel für zwei Liter. Kein Wasser mehr und noch kein Tee. Wenig Farbe, keine Wirkung.

Meist ist die Welt in Ordnung: Die Truppe spielt vor immervollem Haus - der Freundeskreis der zur Freundschaft Begabten schließlich ist groß. Vermehrt noch um die Freundesfreunde. Problematisch wird die Lust am Verkleiden jeweils dann, wenn ein Autor in die Gemeinschaft aufgenommen werden soll, der in eine WG so gar nicht passen will. In diesem Fall eine Autorin. Wie es dem Grazer Theater im Bahnhof (TiB) gelang, Elfriede Jelinek aufs Bänkchen zu ziehen, bleibt ein Rätsel. Zwanzig Jahre lang war Burgtheater, einer der genialsten, luzidesten, bösesten und zugleich witzreichsten Texte der nunmehrigen Nobelpreisträgerin für Österreich - mit Ausnahme der Burgtheaterbühne - gesperrt. Eine Folge der traumatischen Erfahrungen, die die Autorin anlässlich der Uraufführung in Bonn mit der österreichischen Öffentlichkeit gemacht hatte.

Verhandelt das Stück doch kaum verschlüsselt die NS-Verstrickung von Paula Wessely, ihrem Mann Attila Hörbiger und seinem Bruder Paul und werden deren Selbstaussagen - "Spielen, spielen ist ja mein Leben!" - mit heimatseeligen Dialektwendungen zur Kenntlichkeit verschränkt.

Ein Informationszettel an der Kasse des TiB informiert über Jelineks Aufführungsverbot, als sei es noch heute gültig. Daraufhin befragt, wie diese Aussage sich mit der proklamierten österreichischen Erstaufführung durch das TiB vereinbaren lasse, wie also das TiB die Rechte für die Erstaufführung erhalten habe, antwortete Regisseur Ed. Hauswirth: "Da fragen Sie mich zu viel. Ich bin ja der Regisseur. Ich habe diesen Zettel nicht geschrieben. Da müssen Sie sich an unseren Dramaturgen Jochen Herdieckerhoff wenden". Und gab freundlich dessen Telefonnummer.

Eine Auskunft, die die intensive Text- und Recherchearbeit der Gruppe, wie sie der Abend vermittelt, nicht untreffend zusammenfasst.

Ach ja, der Abend: Er war lang (drei Stunden!), aber lustig. Mitunter nuschelten die lustigen Menschen mit Perücken auch ein, zwei Sätze von Jelinek. Lieber tanzten sie. Oder zitierten (nackig!) Schnitzler. Oder so.

Burgtheater, dieser hochdiffizile Text, jedenfalls wartet noch immer auf seine österreichische Erstaufführung. Im Burgtheater. Wo sonst?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.5.2005)

Von Cornelia Niedermeier
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    Menschen mit Spaß am Verkleiden: Martina Zinner, Andreas Kiendl, Lorenz Kabas, Beatrix Brunschko, Michael Ostrowski, Eva Maria Hofer

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