Vom Ende einer "exzellenten Investition" - Krise der US-Zeitungen

17. Mai 2005, 20:55
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Warren Buffett: "Diese Tage sind vorbei" - Das Internet hat die Art und Weise revolutioniert, wie Bürger sich informieren

Die großen Zeitungen verlieren in den USA rasant an Auflage. Grund für die Malaise ist das Internet. Wie Bürger sich informieren, habe sich revolutioniert, sagt Medientycoon Rupert Murdoch. Die Medien reagieren - reichlich spät.

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Rita Neubauer aus San Francisco
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Das Orakel von Omaha hat gesprochen, und geht es nach ihm, sieht es gar nicht gut aus für die Printmedien in den USA - und als Trend auch nicht für die europäische Presse. Beim alljährlichen Treffen der Berkshire-Hathaway- Anteilseigner in Omaha, Nebraska, wurde Warren Buffett vergangenes Wochenende nach seiner Einschätzung bezüglich der Printmedien befragt. "Es war einst eine exzellente Investition", erklärte das Finanzgenie. "Doch diese Tage sind vorbei."

Buffett spricht aus, was Verleger in den USA längst wissen. Nach den jüngsten Zahlen der ABC (Audit Bureau of Circulation) sank die Auflage der amerikanischen Tageszeitungen in den vergangenen sechs Monaten im Vorjahresvergleich um 1,9 Prozent. Der höchste Verlust seit 1995/96, als diese um 2,1 Prozent nachgaben.

Spätes Reagieren

Betroffen sind vor allem die Großen wie die "Los Angeles Times" (minus 6,5 Prozent), der "Boston Globe" (minus 3,9 Prozent) und der "San Francisco Chronicle" (minus 6,1 Prozent). Selbst die "Washington Post" musst einen Verlust von 2,7 Prozent hinnehmen. Glimpflicher davon kam das renommierte "Wall Street Journal" (minus 0,8 Prozent), aber auch nur weil es Online-Abos dazuzählen darf.

Grund für die Malaise ist das Internet. Es jagt den Printmedien nicht nur die Werbeeinnahmen ab, es hat die Art und Weise revolutioniert, wie Bürger sich informieren. Und auf diese Revolution, so die Schelte von Herausgeber Rupert Murdoch auf der jüngsten Jahrestagung der American Society of Newspaper Editors, würden die US-Medien reichlich spät reagieren.

"digital immigrants" und "digital natives"

Murdoch unterscheidet zwischen den "digital immigrants", älteren Lesern, die zwar den Printmedien weiterhin die Treue halten, auch wenn sie Zugang zum Internet haben, und den jüngeren "digital natives", die sich über Webportals wie Yahoo! und Google sowie Blogs informieren. Das Problem: "digital immigrants" fallen langfristig weg, während "digital natives" erst gar nicht den Kopf in eine Zeitung stecken.

Die Konsequenz, nach Murdoch? Aufwachen, sich den veränderten Gegebenheiten stellen und eine Verlagerung des Geschäfts hin zu Online. Leichter gesagt als getan, meinen Experten. Denn wenn Online auch die Zukunft ist, garantiert ist noch lange nicht, dass die Umsätze daraus auch die Verluste beim Printgeschäft ausgleichen. Denn die meisten User murren, wenn sie für Content bezahlen sollen. Nur wenige Unternehmen wie das "Wall Street Journal" wagen es bisher, ihre Online-Klientel zur Kasse zu bitten. Oder wie das Online-Magazine "Salon" zwischen Werbung und Abo ohne Werbung wählen zu lassen.

"New York Times Digital" verbuchte 30 Millionen Dollar Gewinn

Bei der "New York Times", deren Zugang zu den Webseiten kostenlos ist, werden solche Szenarien ebenfalls diskutiert. Denn die einzige Tochter, die stetig zulegt, ist die "New York Times Digital" (550 Millionen Seitenaufrufe pro Monat). Sie hat mehr Leser als die Offline-Ausgabe und war mit über 30 Millionen Dollar Gewinn im vergangenen Jahr lukrativer als jede andere Newsseite. Doch hält dieser Trend an, sind Fragen unausweichlich. Denn dem zweistelligen Online-Profit stehen bei der Times dreistellige Umsatz- und Profiteinbrüche im Printbereich gegenüber. Der Online-Profit kann die Kosten für Redaktion, Druckerei und Vertrieb nicht ausgleichen. Die Offline-Umsätze steigen außerdem schneller als die Online-Umsätze. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2005)

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    Finanzgenie Warren Buffett griff beim Treffen der Berkshire-Hathaway- Anteilseigner in Omaha zur Ukulele und erklärte nebenbei die Krise der amerikanischen Tageszeitungen.

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