Kurzfilmsonde auf Weltraumflug

5. Mai 2005, 19:30
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Am Dienstag endeten in Oberhausen die (film-)politisch profilierten 51. "Internationalen Kurzfilmtage"

Zwischen Winzerfestbuden und den Plakaten der Kurzfilmtage war es die Wahlwerbung für die Landtagswahlen am 22. Mai in Nordrhein-Westfalen, die in Oberhausen Blicke auf sich zog: Ob darauf die FDP "neue Jobs" ankündigte oder die SPD "stärker werden" und dabei "menschlich bleiben" wollte, standen sie als Vorboten für die sich in die Kinos verlängernde Politik.

Denn obwohl in den Politiker-Eröffnungsreden das Bekenntnis zum Film und seiner Förderung im Mittelpunkt stand, wurde dem Wunsch, nach den 50-Jahr-Feierlichkeiten des Vorjahres nun wieder zu dem überzugehen, was das renommierte Festival ausmacht, nämlich zum Kurzfilm, nicht sofort entsprochen.

Festivalleiter Lars Henrik Gass griff vielmehr massiv die Förderpolitik von Land, Bund und EU an und sprach sich gegen Zentralismus und "Kulturförderung als Repräsentationszweck" aus.

Dass Politik und (politische) Haltung auf einem Filmfestival keine "Themenverfehlung" darstellen, war ebenso deutlich in den gezeigten Filmen und Videos zu spüren: Nationale Identität, Kritik am kapitalistisch geprägten Alltag, Migration und illegalisierte Einwanderung standen im Mittelpunkt von Arbeiten, in denen sich dies oft mit den Biografien der Regisseure oder der Reflexion der Bildproduktion verknüpfte.

Wiederentdeckung

Symptomatisch dafür stand das Programm "Der gefallene Vorhang", das sich der sozialistischen Utopie als Gegenmodell zum Kapitalismus, dem Niedergang des real existierenden Sozialismus und der Neuverhandlung individueller wie gesellschaftlich geprägter Identität widmete.

Dies erlaubte nicht nur die (Wieder-)Entdeckung von Filmen aus der UdSSR beziehungsweise ihren Teilrepubliken Armenien ("Natschalo" von Artavazd Peleshyan) oder Georgien ("Djim Shvante" von Michail Kalatosow), die von einem reichen Filmschaffen im Spannungsfeld regionaler Identität und zentralistischer Ideologie zeugen - die Ausbildung der Filmemacher erfolgte ausschließlich im Moskauer Filminstitut.

Sondern es ermöglichte auch den Vergleich mit der Filmproduktion diesseits des Eisernen Vorhangs. So ähnlich die Themen, auf die zur Propagierung der jeweils herrschenden Ideologie zurückgegriffen wurde, so verschieden die Inszenierung, die damit Rückschlüsse auf das imaginierte Gegenüber zuließ.

So stand etwa der nüchtern aufbereiteten Dokumentation des Weltraumflugs eines Schimpansen in "Trailblazer in Space" (USA 1961) jene über ein Observatorium in "Stolze Demut" (UdSSR 1965) gegenüber, in der technologische Errungenschaften als beinahe märchenhafte Erzählung mit der gebotenen Spielfilmdramatik inszeniert wurden.

In diesem Sinne wie eine Fußnote nahm sich das mit dem MuVi-Award ausgezeichnete beste deutsche Musikvideo aus: In "The Zoo" bevölkern, buchstäblich aus dem Nichts kommend, Autos, Flugzuge oder Ozeandampfer Hinterhöfe und verlassene Parkplätze, gruppieren sich zu "mechanischen Balletten" und werden immer wieder zu einer kleinen Raumsonde, die sich fremd und rätselhaft in diesen urbanen Randzonen ausnimmt.

"Man muss nicht jeden Film verstehen" war auf den obligaten Festival-T-Shirts zu lesen. Hinsehen muss man allemal.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2005)

Claudia Slanar aus Oberhausen

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kurzfilmtage.de
  • Rätselhafte Metamorphosen im preisgekrönten Videoclip "The Zoo" der Gruppe Zeitguised für Funkstörung.
    foto: kurzfilmtage

    Rätselhafte Metamorphosen im preisgekrönten Videoclip "The Zoo" der Gruppe Zeitguised für Funkstörung.

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