IBM streicht tausende Stellen in Europa

23. Mai 2005, 17:11
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Große Neuausrichtung: Weltweit sollen bis zu 13.000 Mitarbeiter entlassen werden - Lenovo plant Aktienrückkauf

New York - Der US-Computerriese IBM setzt in Europa massiv den Rotstift an: Im Zuge einer groß angelegten Neuausrichtung sollten weltweit 10.000 bis 13.000 Stellen gestrichen werden, der Großteil davon bei europäischen Niederlassungen, wie IBM am Mittwoch nach Börsenschluss in den USA mitteilte. Dies entspricht zwischen drei und vier Prozent der insgesamt 329.000 IBM-Beschäftigten rund um den Globus.

Konkret betroffene Länder nannte der Konzern zunächst nicht. In Österreich beschäftigt IBM inklusive Headquarter Osteuropa 2.050 Mitarbeiter. Aus heutiger Sicht werde sich am Personalstand in Österreich nichts verändern, sagte IBM-Pressesprecher Christian Rothmüller.

7.000 bis 9.000 Jobs in Europa gefährdet

Bei IBM in Europa sollen nach französischen Gewerkschaftsangaben zwischen 7.000 und 9.000 Stellen gestrichen werden. Dies sagte der Vertreter der Angestelltengewerkschaft CFE-CGC im Gesamtbetriebsrat von IBM Frankreich, Claude Lefloch, am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP in Paris. Diese Zahl entspreche einem Abbau von acht bis zehn Prozent der Arbeitsplätze in Europa.

Lefloch vermutete, dass die IBM-Führung die genaue Zahl Ende Mai ankündigen werde. Für diesen Zeitpunkt sei ein außerordentliches Treffen der Betriebsräte von IBM in Europa angesetzt worden.

IBM Frankreich hatte schon Anfang des Monats erklärt, dass in Frankreich 769 Stellen gestrichen werden sollten. Gewerkschaften bezweifeln aber, dass es dabei bleiben wird. In Frankreich beschäftigt IBM bisher 11.000 Mitarbeiter.

Rentabilitätsprobleme

Ziel der Umstrukturierung sei es, "die Aktivitäten auf globalem Niveau zu integrieren, aber auch Rentabilitätsprobleme in den Regionen mit weniger starkem Wachstum anzugehen, vor allem in Europa", erklärte IBM. In Europa soll eine ganze Hierarchieebene wegfallen, die bisher für die internationale Abstimmung zuständig war. An ihre Stelle sollen kleinere Teams treten, die grenzüberschreitend eingesetzt werden können und einen direkteren Draht zum Kunden haben sollen.

Gleichzeitig solle mehr Personal in den lukrativen Bereichen des Konzerns konzentriert werden, erklärte IBM weiter. Der Konzern rechnet durch den Umbau mit Belastungen des Nettoergebnisses zwischen 1,3 bis 1,7 Milliarden Dollar (bis zu 1,3 Milliarden Euro) im zweiten Quartal. Erste positive Auswirkungen auf das Ergebnis erwartet der Konzern im zweiten Halbjahr.

40 Niederlassungen in Deutschland

Mit den örtlichen Unternehmensvertretern seien Gespräche aufgenommen worden, erklärte IBM. Die IBM Deutschland GmbH betreibt zur Zeit rund 40 Niederlassungen und ist damit die größte Ländergesellschaft in Europa. Anfang März hatte IBM angekündigt, in Deutschland 580 Mitarbeiter kündigen und die Standorte Schweinfurt und Hannover schließen zu wollen. Betroffen waren damals Beschäftigte der Konzerntochter IBM Business Services. Die Betriebe sollten bis September geschlossen werden.

Die Ankündigung massiver Stellenstreichungen kam nicht vollkommen überraschend. Schon seit Monaten wurde über geplanten massiven Stellenstreichungen berichtet. Die Zeitung "Financial Mail on Sunday" hatte am Wochenende sogar den Wegfall von bis zu 15.000 Jobs vermeldet.

Kostenreduzierung

Nach Einschätzung von Bob Djurdjevic von der Beraterfirma Annex Research geht IBM damit nun an die Umstrukturierung seiner Europa-Aktiviäten. "Es handelt sich um eine Kostenreduzierung und Zentralisierung des Geschäfts in Europa", sagte er. "Es ist eine gute Sache, ein paar Schichten Bürokratie wegzunehmen." An der Börse wurden die Pläne dann auch zunächst mit Kursaufschlägen begrüßt.

Im vergangenen Monat hatte IBM mit schwachen Quartalszahlen die Branche an der Börse mit nach unten gezogen. Analysten und das Unternehmen selbst hatten schon damals auf das schwache Geschäft in Europa verwiesen, vor allem bei Serviceleistungen, die rund 40 Prozent des IBM-Umsatzes ausmachen. Die Geschäftsbank Citigroup Smith Barney hatte damals unter anderem auf das schleppende Geschäft in Deutschland, Frankreich, Italien und Japan verwiesen.

International Business Machines (IBM) galt lange Zeit als der unangefochten größte Computerbauer der Welt. 1981 hatte das Unternehmen den ersten Personal Computer (PC) angeboten. Doch Ende vergangenen Jahres hatte IBM angesichts des scharfen Preisdrucks durch den US-Konkurrenten Dell und asiatische Hersteller sein PC-Geschäft an den chinesischen Lenovo-Konzern verkauft und will sich künftig nur noch auf Server, Speichersysteme und andere Hardware sowie Software und Dienstleistungen konzentrieren. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Nettogewinn von 8,4 Mrd. Dollar bei einem Umsatz von 96,5 Mrd. Dollar.

Lenovo plant Aktienrückkauf

Der chinesische Hersteller Lenovo, der die Computersparte von IBM übernommen hat, kündigte unterdessen an, 435,7 Millionen eigene Aktien von IBM wieder zurückzukaufen. Damit erhält IBM mehr Geld, als ursprünglich ausgehandelt wurde. Lenovo zahlte für die PC-Sparte 1,25 Mrd. US-Dollar, inklusive 650 Mio. Dollar in bar. Mit dem Aktienrückkauf, der noch von den Anteilseigener Lenovos genehmigt werden muss, bekommt IBM weitere 152,2 Mio. Dollar (118 Mio. Euro). IBM hält derzeit 18,9 Prozent an Lenovo, nach dem Aktienrückkauf würde der Anteil um 4,7 Prozent fallen. (APA)

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    IBM-Werk im ungarischen Szekesfehervar: Weltweit will der US-Computerkonzern 13.000 Mitarbeiter entlassen.

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