Einserfrage: Könnte Blairs Mehrheit noch kippen?

5. Mai 2005, 23:04
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Es antwortet:
Alexander Christiani, ehemaliger österreichischer Botschafter in London

derStandard.at: Könnte die Mehrheit für Labour bei den Wahlen am Donnerstag doch noch kippen?

Christiani: Ein Kippen der Mehrheit für Labour halte ich für höchst unwahrscheinlich. Nach den letzten Umfragen ist der Vorsprung doch zu groß. Allerdings ist eine Voraussage, wieviele Stimmen und damit Sitze im Unterhaus Tony Blair verlieren wird, schwer zu treffen. Auch ein sogenanntes "hung parliament" ist nicht ganz ausgeschlossen. Das würde eintreten, wenn Labour zwischen 80 und 90 Sitze verlöre.

derStandard.at: Welche Themen werden den Kampf in den "Marginals", in den Stimmenbezirken, in denen auf Grund knapper Mehrheiten mit einem Wählerumschwung zu rechnen ist, entscheiden?

Christiani: Das ist unterschiedlich zu sehen. Im Norden des Landes eher der Irak-Krieg, da dort eine größere Konzentration von Wählern des ganz linken Spektrums von Labour angesiedelt ist, die Blair die Involvierung Großbritanniens in den Krieg nie verziehen haben. In den übrigen Landesteilen überwiegt doch eher die Unzufriedenheit mit den "public services". In den konkreten Wahlbezirken sind darüber hinaus lokale Gegebenheiten, wie Kritik ebenso maßgeblich, wie der "appeal" des jeweiligen Wahlkämpfenden. Sehr viel hängt von Personen ab.

derStandard.at: Von welchen Faktoren könnte die Entscheidung noch abhängen? Welchen Einfluss haben Briefwahl-Stimmen?

Christiani: Die Wahlbeteiligung ist ein wesentlicher Faktor. Alle drei Parteien haben diesbezüglich erhebliche Nervosität an den Tag gelegt. Eine geringe Wahlbeteiligung würde naturgemäß Labour schaden. Tony Blair kämpfte daher in den letzten Tagen vor allem gegen die "Selbstzufriedenheit" vieler seiner Anhänger, die den Sieg für eine ausgemachte Sache halten und daher nicht zu den Wahlen gehen könnten. Die Briefwahlstimmen haben meiner Meinung wenig Einfluss.

derStandard.at: Wie sieht die Zukunft von Labour aus?

Christiani: Die Zukunft Labours schätze ich als durchaus vielversprechend und stabil ein. Dies hängt aber natürlich vom konkreten Wahlergebnis ab. Labour ist derzeit in einer Phase, in welcher die Konservativen 19 Jahre lang waren.

derStandard.at: Welche Zukunft hat Tony Blair?

Christiani: Die Zukunft Tony Blairs als Premierminister scheint mir zeitlich begrenzt. Ich rechne mit einer Amtsübergabe an Schatzkanzler Gordon Brown innerhalb der nächsten zwei Jahre. Die Rolle Browns ist kürzlich wieder enorm aufgewertet worden und nach außen wird Einigkeit demonstriert. Ohne ihn wäre ein Referendum über die Europäische Verfassung jedenfalls überhaupt nicht zu gewinnen.

Die heutigen Einserfragen stellte: Rainer Schüller

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    Alexander Christiani ist ehemaliger österreichischer Botschafter in London. Er lebt jetzt wieder in Wien, sein Nachfolger als Botschafter ist Ernst Sucharipa.

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