Wohlklang aus der Regentonne

5. Mai 2005, 18:09
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Der "Fall" Wessely: Mittwoch wird Elfriede Jelineks "Burgtheater" in Graz erstaufgeführt

Wien/Graz - "Wunderbare Paula Wessely. Wie natürlich und groß. Ein wahrer Genuß (sic), ihr zuzuschauen", notierte Joseph Goebbels 1934 begeistert in sein Tagebuch. Theaterwissenschafterin Maria Steiner versteht diese Begeisterung bis heute nicht: "Ich hab nie verstanden, was meine Mutter und meine Großmutter an dieser Paula Wessely so toll gefunden haben. Mich hat sie immer nur an eine Regentonne erinnert. So hat nämlich ihre Stimme geklungen: als ob sie in eine Regentonne hineingesprochen hätte."

Als Wissenschafterin veröffentlichte Steiner allerdings vor zehn Jahren eine Biografie über die "österreichische Duse": ein Standardwerk über den Hörbiger-Clan, der Fakten aufzeigt, an die Österreich nicht gerne erinnert wird.

Anders als alle zuvor erschienenen Bücher, die vor allem das von der Grande Dame präsentierte Selbstbildnis zementieren, wird in Paula Wessely. Die verdrängten Jahre gerade die Zeit zwischen der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland und dem Kriegsende, in der die Karrieren von Wessely und Ehemann Attila Hörbiger ungestört bergauf verliefen, nicht ausgespart. Wessely/ Hörbiger blieben in ihrer Heimat, auch als wichtige Wegbegleiter flüchten mussten, weil sie Juden waren.

Für dieses Kratzen an einer "österreichischen Institution" bekam die Biografin, die nur ein paar Mal mit Wessely telefonierte und sich ansonsten an vorhandene Quellen hielt, nach dem Erscheinen ihres Buches böse Briefe. Und Krone-Schreiber Wolf Martin reimte der damals 27-jährigen Wissenschafterin etwas in den Wind. "Sie haben mich Gscheiterl genannt und Nachgeborene", so Steiner.

Paula Wessely freilich war keine Nachgeborene, sondern eine 1907 mitten in Wien Hineingeborene. Eine, die Karriere machen wollte und es deshalb schon Jahre vor dem Anschluss Österreichs 1938 zuließ, dass sich das NS-Regime mit ihr brüstete. "Das hat sie immerhin später auch zugegeben, und das ist mehr als die meisten anderen Schauspieler aus dieser Zeit getan haben", erzählt Steiner.

Auf die Frage: "Paula, was hast du im Krieg gemacht?" wäre jene Antwort, die laut Steiner von den meisten Kollegen stets kam, nicht gelogen: "Filme!" Filme machte Wessely ab ihrem legendären Erfolg in Maskerade jede Menge. Ihr als Propagandastück wohl bekanntester Film war der Streifen Heimkehr (1941). Weniger bekannt ist, dass Wessely bereits 1934 der NS-Reichsfachschaft Film beitrat. Denn der größte Absatzmarkt für österreichische Filmproduktionen war Hitlerdeutschland.

Bonner Uraufführung

Lange vor Steiners 1995 erschienener Biografie kratzte jemand anderer an der Institution, die für viele immer noch "das Wienerische an sich" verkörpert. 1982 veröffentlichte Elfriede Jelinek in den manuskripten das Stück Burgtheater. Erst als die Posse mit Gesang über eine Theaterfamilie (die sich einer eigentümlichen "Wiener" Kunstsprache bedient) und ihr Verhalten in der Nazi-Zeit in Bonn 1985 uraufgeführt wurde, gab es ein empörtes Aufheulen in den österreichischen Medien. "Ein großartiges Stück", befindet Steiner. Denn gerade in Burgtheater würde auch die problematische Mutter-Tochter-Beziehung der Wessely zu ihren Kindern bearbeitet. Und diese stehe im krassen Widerspruch zum Bild der "heiligen Mutter, der stillen Dulderin, die sich für die Familie aufopfert", für das Wessely von ihren Fans geliebt wurde.

Ekelhaftes Frauenbild

"Das finde ich so ekelhaft", erzählt Steiner, "dass dieses Frauenbild über drei Regime hinweg unverändert funktioniert hat und geliebt wurde: im Austrofaschismus, in der NS-Zeit und genauso in der Nachkriegszeit."

Steiner widmete der Rezeption von Jelineks Stück ein eigenes Kapitel. Burgtheater wurde bis heute noch nie in Österreich gespielt, und Elfriede Jelinek will nicht, dass es in Wien gespielt wird. Dennoch wird es heute, Mittwoch, in Österreich erstmals aufgeführt. Das Theater im Bahnhof in Graz erhielt den Zuschlag und bringt es in Koproduktion mit "Theater der Welt 2005 Stuttgart" heute im Grazer Heimatsaal aufs Brett. "Eine Sensation", findet Steiner. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2005)

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