Das Entwerfen der Zukunft

10. Mai 2005, 21:43
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Mit dem Schaffen des 82-jährigen Pariser Modeschöpfers Pierre Cardin beschäftigen sich ein Buch und eine Ausstellung in der Wiener Akademie der Bildenden Künste

Wien - Der wichtigste kreative Erfolg seines Lebens? Da muss Pierre Cardin nicht lange nachdenken. "Ein plissierter Mantel aus rotem Lodenstoff. 1952 habe ich ihn entworfen, und er wurde 200.000-mal verkauft", erzählt er im Gespräch mit dem STANDARD. Die Antwort ist symptomatisch für den 82-jährigen Couturier, der mit den Erlösen aus dem Verkauf dieses Mantels seine erste selbstständige Kollektion finanzierte. In den 65 Jahren seiner Karriere wurde Pierre Cardin nie von Berührungsängsten mit den ökonomischen Aspekten der Kreativität geplagt. "Man muss verkaufen, um kreativ sein zu können."

In Wien eröffnete Cardin gestern Abend eine Ausstellung über sein Schaffen in der Akademie der Bildenden Künste, organisiert von Elisabeth Längle, die ihr neues Buch über den Pariser Modeschöpfer präsentierte. Als "Erfinder der Zukunft" wird da Cardin tituliert, und das trifft sowohl im kreativen als auch im kommerziellen Bereich zu.

Am Beginn seiner Modelaufbahn, als Assistent von Christian Dior, entwickelte Cardin in den 50er-Jahren den "New Look" mit. Dann kamen die 60er-Jahre mit ihrer Raumfahrtseuphorie, und Cardin profilierte sich - neben André Courrèges und Paco Rabanne - als wichtigster Vertreter des futuristischen Modedesigns: simple Hängekleider, durchlöchert von Zacken und Orbitalkreisen, Overalls aus Plastik, schenkelhohe Lackstiefel, kühne Farb- und Materialkompositionen - Raumschiff Enterprise für Stilbewusste.

Liebe zur Geometrie

Cardin konnte ungehemmt seiner Liebe zur Geometrie frönen, er sei, so erzählt er, von der Mentalität her eigentlich Architekt. "Ich entwerfe das Kleid, dann stecke ich die Frau hinein", ließ er in den 60er-Jahren verlauten. Und dass das den Frauen gefallen habe, so meint er, beweise der Erfolg seiner Marke. An den Fotografien des Bildbandes ist abzulesen, wie Cardin seiner früh gefundenen Formensprache über die Jahrzehnte treu blieb. In den Siebzigerjahren tendierten seine Entwürfe zwar in Richtung Oversize und Martialität, in den 80ern wurden die Materialien und Silhouetten weicher, die Liebe zur Geometrie und das Skulpturale aber ist bis heute geblieben. "Das ist wie ein roter Faden in meiner Arbeit."

Die "Ikone der Avantgarde" bewies auch in kommerzieller Hinsicht Vorreiterstellung. Als etablierter Haute-Couture-Designer präsentierte Pierre Cardin 1959 seine erste Pret-à-porter-Kollektion im Pariser Kaufhaus Printemps, denn "Luxus soll für Millionen Menschen erschwinglich sein": ein Affront für die Pariser Chambre Syndicale de la Haute Couture, die ihn aus ihren elitären Reihen ausschloss. In den 60er-Jahren legte der Couturier bereits den Grundstein für sein globales Lizenzgeschäft: "Ich wollte, dass mein Name eine Marke wird und nicht nur ein Etikett." Und er war einer der ersten Modeunternehmer, die sich - Ende der 70er-Jahre - nach China und Osteuropa vorwagten.

Cardins Konzept ist aufgegangen. In Zeiten der Mega-Konzerne ist er unabhängiger Alleinherrscher über ein Unternehmen, das rund um den Globus an die 200.000 Personen beschäftigt. Rund 700 Lizenzen hat er vergeben, er ist Besitzer des Pariser Restaurants Maxim's und seiner weltweiten Ableger, der Cardin-Schriftzug findet sich auf Herrenhemden, Schlauchbooten, Bettdecken und Sardinendosen. Auf Letzteres ist er besonders stolz, denn "es ist sehr schwer, Ölsardinen zu verkaufen, das muss man erst mal schaffen als Modeschöpfer".

Das Modemachen, so betont Cardin, sei aber noch immer seine wichtigste Beschäftigung, "dank der Mode kann ich auch andere Sachen machen": etwa Möbel, Theater-und Filmkostüme entwerfen oder den ehemaligen Palazzo von Casanova in Venedig und das Schloss des Marquis de Sade in Südfrankreich erwerben, um dort das Festival Lacoste zu veranstalten. Im Alter sei aber nun die Zeit gekommen, sein Imperium, das auf 400 Millionen Euro geschätzt wird, zu verkaufen, meint Pierre Cardin abschließend. "Sonst verkaufen es meine Nichten und Neffen, und da ist mir lieber, ich weiß, wer es bekommt." (Margit Wiener/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2005)

Pierre Cardin Design & Fashion 1950-2005, Säulenhalle und Galerie der Akademie der Bildenden Künste, Schillerplatz 3, 1010 Wien

Bis 29. 5., täglich 10-18 Uhr

Elisabeth Längle: Pierre Cardin, Christian Brandstätter Verlag 2005, € 36, ISBN 3-85498-395-6
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