Die Missbrauchsopfer sind am Wort

4. Mai 2005, 19:05
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Mit den Aussagen der Opfer geht in Portugal der Kinderschänder-Prozess in eine entscheidende Phase

Lissabon – Fünf Monate nach dem Beginn des größten Kinderschänderprozesses in der Geschichte Portugals haben Montagabend unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Aussagen der Opfer begonnen.

Als Erster wurde ein heute 19-Jähriger gehört; seine Identität wurde geheim gehalten. Insgesamt sollen 30 der missbrauchten Heimkinder aussagen. Gegenüberstellungen der Opfer mit den mutmaßlichen Tätern werden dabei vermieden.

Botschafter und TV-Moderator unter Angeklagten

Zu den sieben Angeklagten gehören auch der ehemalige Unesco-Botschafter Jorge Ritto, der in Portugal prominente TV-Moderator Carlos Cruz und der Kinderarzt Joao Ferreira Diniz; er hat laut Anklage auch zur Sicherheit der Täter die Opfer vor deren Missbrauch untersucht, um ihre „Gesundheit“ zu attestieren.

Laut Anklageschrift haben sich die Beschuldigten jahrelang an dutzenden von Kindern aus staatlichen Waisenheimen vergangen. Der Hauptangeklagte ist der frühere Hausmeister der staatlichen Heimkette „Casa Pia“, Carlos Silvino, genannt „Bibi“. Dem 48-Jährigen werden mehr als 600 Fälle von Kinderschändung zur Last gelegt. Zudem soll er Prominenten gegen Geld Heimkinder für Sexorgien zugeführt haben.

Ein Geständiger

Silvino ist bisher der einzige Geständige, er gab zu, jahrelang Heimkinder zu Kinderschändern gebracht zu haben und für diese Fahrdienste entlohnt worden zu sein. Die Buben hätten ihn allerdings darum gebeten, beteuerte Silvino.

Der im November 2002 aufgedeckte Skandal hatte unter den Portugiesen schwere Bestürzung hervorgerufen und politische Grabenkämpfe ausgelöst. Die begannen damit, dass 2003 auch der ehemalige portugiesische Sozialminister Paolo Pedroso, seinerzeit zuständig auch für die Casa-Pia- Heime, in Untersuchungshaft genommen wurde. Die Anklage gegen ihn wurde wieder fallen gelassen, aber bei den Ermittlungen wurde auch das Telefon des damaligen Parteichefs Eduardo Ferro Rodrigues abgehört. Dies nahmen die Sozialisten zum Anlass, konservativen Regierungspolitikern vorzuwerfen, sie wollten die Oppositionspolitiker grundsätzlich als Pädophile hinstellen.

Politische Folgen

Der Kinderschänder-Skandal hat auch dazu geführt, dass die Portugiesen kein Vertrauen mehr in ihre Politiker haben, wie sich bei einer Umfrage kurz vor den Parlamentswahlen im Februar dieses Jahrs gezeigt hat. Neben Kritik wegen wirtschaftlicher Unfähigkeit und Korruption nannten die Befragten auch die Affäre „Casa Pia“ als Grund dafür. (dpa, red, DER STANDARD Printausgabe, 04.05.2005)

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