Meister der Implosion

10. Mai 2005, 21:49
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Der Pianist Ahmad Jamal gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Wenn musizierende Zeitgenossen als "unterschätzt" apostrophiert werden, dann ist Vorsicht geboten: Schwingt in diesem Wörtchen doch nicht selten die trotzige Tendenz mit, die Ursache für den fehlenden Ruhm einer anonymen Öffentlichkeit zuzuschanzen, anstatt das eigene Tun in produktiven Zweifel zu ziehen.

Ahmad Jamal, der Pianist aus Pittsburgh, den seine Eltern aus unerfindlichen Gründen auf den unentrinnbar deutsch klingenden Namen "Fritz" tauften, sodass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als zum Islam zu konvertieren und damit auch eine nominelle Wandlung zu vollziehen, Ahmad Jamal also wurde Jahrzehnte hindurch immer wieder als verkanntes Genie apostrophiert. Einerseits. Andrerseits sprach man abschätzig von einem Mann Barpiano-kompatibler Harmlosigkeiten. Nun war zu hören, dass erstere bedeutend näher an der subjektiven Wahrheit dran sind. Denn der 74-Jährige spricht unzweifelhaft eine eigene Tasten-Sprache.

Unter seinen Fingern werden die Stücke nur selten "interpretiert", viel öfter zur Materialbaustelle, zum Spielball für seine Gedankengänge umfunktioniert. Rasche, mit fahrigen Blockakkorden markierte Spannungssteigerungen sehen sich regelmäßig in perlenden Pianissimo-Läufen oder ausgesparten Kammerjazz-Passagen regelrecht zur Implosion gebracht.

Doch Jamal ist nicht nur ein Meister der Andeutung geblieben, er brillierte als einer, für den Improvisation noch Abenteuer bedeutet: Akkordstrukturen werden auf ihre harmonische Leuchtkraft hin untersucht, um sich sogleich wie in einer Variationen-Reihe in vertrackte Patterns aufzulösen. Und um Melodien zu ornamentalen Diskant-Formeln umzudeuten, die sich ihrerseits in die Rhythmen der wachen Partner James Cammack (Bass) und Idris Muhammad (Schlagzeug) einklinken. Ahmad Jamal - kein unterschätzter, ein großer Pianist. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 5. 2005)

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