Siegeslaune mit bitterem Beigeschmack

5. Mai 2005, 23:08
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Alle Umfragen sehen Blairs Labour Party voran, doch die Kritik am Irakkrieg machte ihm zuletzt schwer zu schaffen

In Gillingham scheint die Sonne, Tony Blair schlendert über eine Wiese, bleibt an Rocky's Eisstand stehen. Er kauft zwei Tüten Vanille-Eis, eine für sich, eine für Gordon Brown, seinen Schatzkanzler. "Hier, Gordon, für dich", ruft er. "Passiert nicht oft, dass du was umsonst kriegst." Bedenkt man, dass der Wahlkampf in den Endspurt geht, wirken Premier und Finanzminister unwirklich entspannt. Dabei ist Gillingham, eine Küstenstadt östlich von London, einer der heftig umkämpften Wahlkreise, in denen es zwischen Labour und den Konservativen auf der Kippe steht. Nichts davon lässt sich das regierende Duo anmerken.

Kein Irak-Referendum

Brown sagt am Abend im TV: "Was im Irak geschehen ist, ist geschehen. Es geht um mehr, um die Wirtschaft, um Wohlstand, um Stabilität. Diese Wahl darf kein Referendum nur über den Irak sein."

Anfangs hatte Blair gehofft, er könne den Krieg in den Hintergrund drängen, imposante Erfolgsbilanzen präsentieren und optimistisch über die Zukunft reden. Wie wenig die Strategie aufging, dämmerte ihm spätestens in dem Augenblick, als er bei der "Question Time" der BBC vor einem angriffslustigen Publikum saß, das ihn im Kreuzverhör regelrecht demontierte.

"Nach Ihrem Besuch bei George Blair war Ihnen doch klar, dass Sie den Irak angreifen würden", wettert eine junge Frau. "George Bush", korrigiert Blair cool, "ein Freud'scher Fehler". Die Frau wird verlegen, lässt aber nicht locker. "Sie haben zuerst mit Bush gesprochen, dann erst mit ihrem eigenen Kabinett. Wenn Sie nicht arglistig waren, waren Sie fahrlässig, und dafür müssten Sie genauso zurücktreten." (Am Dienstag kündigte die Witwe des zuletzt im Irak umgekommenen britischen Soldaten Anthony Wakefield an, eine Gruppe von Angehörigen Gefallener wolle Blair sogar verklagen.)

Es ging Schlag auf Schlag in den letzten Tagen vor dem Votum. Vorige Woche sickerte durch, dass Generalstaatsanwalt Peter Goldsmith, in einem knapp zwei Wochen vor Kriegsbeginn verfassten Geheimpapier, Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Militäraktion äußerte, dass Blair seiner Ministerriege jedoch nur eine geglättete Fassung der Expertise vorlegte. Am Sonntag zitierten Medien ein vertrauliches Protokoll vom Juli 2002. Darin plädierte der Hausherr der Downing Street Nr. 10 für "regime change" in Bagdad. Sieben Monate später machte er dem Unterhaus immer noch weis, falls Saddam abrüste, könne er sein Regime retten.

Und wieder war es Brown, der seinem Partner und Rivalen zur Seite sprang. "Hätten Sie im Irak dasselbe gemacht?", wollte die Presse von ihm wissen. Die Antwort, ein einziges Wort: "Ja."

Vielleicht hat Brown, der Wirtschaftslenker, der sich während des Krieges zurückhielt, seinen Kontrahenten in diesem Moment vor dem Absturz bewahrt. Nicht der Konservativen-Chef Michael Howard, nicht der Liberale Charles Kennedy, sondern Brown gehe als wahrer Sieger aus dem Wahlkampf hervor, resümierte die Sunday Times.

In den Umfragen jedenfalls lag die Labour-Partei auch am Dienstag vorn. Beim Institut YouGov kommt Labour auf 36 Prozent, die Konservativen auf 33 und die Liberaldemokraten auf 24. Die Financial Times hatte in ihrer Mori-Umfrage Labour mit 39 Prozent noch viel weiter vor den Tories (29 Prozent).

Freilich, britische Urnengänge sind immer für Überraschungen gut, weil allein das Ergebnis in jedem der 646 oft wackligen Wahlkreise zählt, weil Prognosen noch mehr als anderswo Schall und Rauch sind. Doch falls "Teflon-Tony" zum dritten Mal in Folge gewinnt, was vor ihm nur Maggie Thatcher gelang, dann gilt er schon jetzt als lahme Ente. "Vom 6. Mai an interessiert die Presse nur eines: Wann macht Blair Platz für Brown?", orakelt die Kolumnistin Polly Toynbee vom Guardian.

Denkzettelwahl

"Blair wird wiedergewählt, aber nur widerwillig", prophezeit Andrew Gilligan, jener Journalist, der Downing Street Nr. 10 als Erster vorwarf, im Herbst 2002 ein Irak-Dossier "aufgesext" zu haben. Vom Lordrichter Brian Hutton getadelt, verlor Gilligan seinen Job bei der BBC. Heute sieht er sich rehabilitiert und fordert die Wähler auf, dem Amtsinhaber einen Denkzettel zu verpassen. An eine Niederlage Blairs glaubt aber auch Gilligan nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.5.2005)

Frank Herrmann aus London
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    Labour-Chef Tony Blair: Gelingt ihm, wie zuvor nur der Konservativen Margaret Thatcher, ein dritter Sieg?

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