Berlusconis Drahtseilakt

3. Mai 2005, 18:25
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Der treueste Vasall des US-Präsidenten befindet sich in einer wenig beneidenswerten Zwickmühle - von Gerhard Mumelter

Fast fünf Stunden wartete Italiens Presse am Montag auf den Bericht der Regierung zum Tod des Geheimdienstoffiziers Nicola Calipari im Irak. Die Verspätung hatte triftige Gründe: Premier Silvio Berlusconi hatte eine genaue Überprüfung des Textes angeordnet, um "jede Äußerung antiamerikanischer Gefühle" zu vermeiden. Der Auftrag, den der Ministerpräsident dem Geheimdienstchef Nicolò Pollari erteilt hatte, entsprach der Quadratur des Kreises.

Der Bericht sollte in allen technischen Einzelheiten der Darstellung Washingtons widersprechen, aber keine Kritik an der Bush-Administration enthalten. Der treueste Vasall des US-Präsidenten befindet sich in einer wenig beneidenswerten Zwickmühle. Nur drei Tage vor kommunalen Stichwahlen muss er am Donnerstag im Parlament in einem schwierigen Drahtseilakt das Gesicht Italiens wahren, ohne seinen Freund George Bush zu irritieren.

Er muss die Überzeugung der meisten Italiener entkräften, dass ihr Land gedemütigt und als Bündnispartner zweiter Klasse behandelt werde. Jener deutlichen Mehrheit der Bevölkerung, die den Rückzug der italienischen Truppen aus dem Irak fordert, wird Ber^lusconi glaubhaft erklären müssen, warum seine Regierung weiterhin Kosten und Risiko eines unpopulären Militärein^satzes tragen will.

Viele Italiener erinnert die Handhabung des Falls Calipari durch die USA fatal an den Freispruch des US-Piloten, dessen Flugzeug 1998 das Seilbahnunglück in Cavalese mit 20 Toten verursacht hatte. Die Empfehlung des US-Botschafters Mel Sembler an die römischen Staatsanwälte, ihre Ermittlungen im Fall Calipari einzustellen, wurde von Italiens Öffentlichkeit mit Befremden registriert. Berlusconi und Bush wollen den unangenehmen Fall möglichst rasch archivieren. Doch vorher wird der italienische Premier im Parlament den Eindruck widerlegen müssen, George Bush sei ihm wichtiger als Nicola Calipari. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.5.2005)

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