Sloterdijk: "Europa ist eine postimperiale und postmachistische Einheit"

9. Mai 2005, 21:24
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Zahlreiche Künstler und Intellektuelle auf der Pariser Konferenz für ein Europa der Kultur

Paris - Für den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk ist Europa ein großes geschütztes Reich, in dem diejenigen, die die Macht innehaben, nur mit den Siegern kommunizieren. "Europa ist eine postimperiale und postmachistische Einheit", erklärte der Philosoph am Montag auf der Pariser Konferenz für ein Europa der Kultur.

An dem zweitägigen Treffen nehmen rund 800 Intellektuelle, Künstler und Kultusminister aus 25 EU-Ländern teil. Ziel dieser Konferenz, die in der Comedie-Francaise stattfindet, ist es, konkrete Vorschläge für ein Europa der Kultur auszuarbeiten.

Befürworter einer europäischen Verfassung

Peter Sloterdijk erhielt am ersten Tag der Konferenz für seine kurze und knappe Analyse über Europa viel Applaus - nicht zuletzt weil er seine Rede auf Französisch hielt. Unter dem illustren Publikum befanden sich auch die Filmemacher Claude Lelouche und Costa-Gavras sowie die Sängerin Marianne Faithfull. Trotz seiner kritischen Diagnose Europas hofft er, dass bei der Volksabstimmung über die europäische Verfassung am 29. Mai das Ja überwiegen wird. "Ich hoffe auf ein saturiertes Ja. Ein begeistertes Ja brauchen wir nicht, aber auch kein fanatisches Nein".

Sloterdijk kam mit seinem Aufruf Frankreichs Staatschef Jacques Chirac sehr zu Hilfe. Denn schon seit Wochen versucht dieser die Franzosen, die laut Umfragen noch zum Nein tendieren, vom Ja zu überzeugen. Dabei lässt er keine Möglichkeit aus. So eröffnete er die zweitägige Konferenz, die mit einem Empfang im Elysée-Palast begann, mit einem Plädoyer für die Konstitution. "Die EU-Verfassung wird es ermöglichen, die Zukunft unseres Kontinents nicht nur auf dem Zusammenschluss unserer wirtschaftlichen Interessen aufzubauen, sondern auch auf einer Gemeinschaft der Werte, Grundsätze und Ideale." Erstmals werde die kulturelle Bestimmung des europäischen Hauses in den Rang der fundamentalen Ziele der EU erhoben, sagte der Staatschef.

Finkielkraut kritisiert "Europa der Forderungen"

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut schloss sich der Kritik Sloterdijks an. "Europa hat sich den Gesetzen der Wirtschaft unterworfen", bedauerte Finkielkraut, weshalb es zu einer Einheit geworden ist, von der man nur Dienstleistungen verlange. "Europa ist kein kulturelles Erbe mehr, sondern ein Europa der Forderungen und des freien Personen- und Warenverkehrs", meinte der Philosoph weiter. Er bezog sich in seiner Rede auf den deutschen Soziologen Ulrich Beck, für den der europäische Identitätsbildungsprozess in Auschwitz begann und auf den tschechischen Schriftsteller Milan Kundera, für den ein Europäer derjenige ist, der Sehnsucht nach Europa hat.

Nach den theoretischen Überlegungen zu Europa folgten konkrete Ansätze. So verlangte der frühere Leiter der Salzburger Festspiele, Gerard Mortier, der seit einigen Monaten Direktor der Pariser Oper ist, eine bessere europäische Kooperation in den Bereichen Ballett, Tanz und Oper. Und Herbert Grönemeyer forderte mehr Geld für junge Rockgruppen und -sänger. "Rock- und Popmusik ist Welt und Europa umfassend. Zu Live-Konzerten kommen keine Menschen, die auf Stühlen sitzen wollen, sie wollen sich berühren. Rockmusik ist in Deutschland keine Kultur. Das Geld fließt in die zahlreichen Opern und in alte und vermuffte Kultur. Wir müssen die Subventionen der Opernhäuser kürzen und die Hälfte davon jungen Musikern und junger Rockmusik zufließen lassen", meinte Grönemeyer.

"Ja"-Appelle

Deutsche Intellektuelle haben indessen eindringlich an die Franzosen appelliert, am 29. Mai bei der Volksabstimmung für die europäische Verfassung zu stimmen. In einem Brief, der am Dienstag auszugsweise in der "Süddeutschen Zeitung" abgedruckt war, äußern die Unterzeichner ihre Beunruhigung über "die Verfestigung des populistischen Nein" gegen die EU-Verfassung.

Geschrieben wurde der Brief von dem Publizisten Klaus Harpprecht; unterzeichnet haben die Literaten Günter Grass und Wolf Biermann sowie der Philosoph Jürgen Habermas, Regisseur Alexander Kluge, Publizist Michael Naumann und die Präsidentin der Viadrina-Universität, Gesine Schwan.

"Torheit"

"Stemmt euch dagegen, dass Frankreich den Fortschritt verrät! Die Konsequenzen der Ablehnung wären eine Katastrophe für das Einigungswerk, dem wir eine Epoche des Friedens von mehr als einem halben Jahrhundert verdanken", heißt es in dem Appell. Europa könne nur mit Frankreich geschaffen werden, das Land dürfe sich nicht isolieren. Nur ein gestärktes Europa könne im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten sein Gleichgewicht finden.

Es wäre "eine Torheit", wenn die Franzosen die EU-Verfassung für ihren "Groll gegen die Regierung" büßen ließen, heißt es in dem Schreiben weiter. "Europa fordert Mut. Ohne Mut kein Überleben" - für keines der Mitglieder der Europäischen Union, die mit ihrer Verfassung "den Traum von Jahrhunderten" erfülle. "Wir sind es den Millionen Opfern unserer Kriege und Diktaturen schuldig." (APA/dpa)

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    Peter Sloterdijk

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