Kopf des Tages: Schatzkanzler Gordon Brown

17. Mai 2005, 16:04
posten

Blairs Rivale greift nach der Macht

Es gebe nur zwei Arten von Schatzkanzlern, sagte Gordon Brown einmal, "solche, die scheitern, und solche, die beizeiten aussteigen". Damit gab er zu verstehen, dass er nicht ewig am Sessel eines Finanzministers zu kleben gedachte, sah er sich doch zu Höherem berufen. Irgendwann wollte und will er Regierungschef werden, Erbe des entzauberten Sonnyboys Tony Blair.

In Großbritannien wird nur noch darüber diskutiert, wann das geschehen soll. Erst recht nach dieser Parlamentswahl, bei der Brown seine Popularität in die Waagschale warf, um Blair zu beschützen.

Anders als der Premier, der massiv an Stimmen verlor, legte Brown in seinem schottischen Wahlkreis sogar noch zu. "Ich bin nur einer von vielen im Kabinett, und wie die anderen arbeite ich unter Führung Tony Blairs", übte er sich hinterher in Bescheidenheit.

Das Herz der Labour Party gehört ihm ja schon lange. Während der Seiteneinsteiger Blair als verkappter Tory gilt – ein aufgeklärter Konservativer in blassroter Wolle –, haftet an Brown der Stallgeruch alter Sozialdemokraten. Vom Vater, einem Presbyterianer-Pfarrer, lernte er, was soziales Mitgefühl heißt, was Armut bedeutet. Mit zwölf verteilte er Labour-Flugblätter, als Mittzwanziger gehörte er zu Schottlands führenden Aktivisten. Eine Beziehung zu ihm reduziere sich auf drei Worte, jammerte eine Exgeliebte: "Politik, Politik, Politik".

Inzwischen hat Brown nicht nur gelernt, ein gepflegtes Englisch zu sprechen, fast ohne Akzentspuren seiner schottischen Heimat. Mit 54 verbreitet er auch erstmals gute Laune. Er ist nicht mehr der mürrische Zahlenverwalter, der mit gelangweilter Miene im Unterhaus sitzt, um Akten zu studieren oder an seinen Fingernägeln zu kauen. Der, selbst wenn er einmal lachte, den Eindruck erweckte, als lägen schrille Debatten weit unter seinem Niveau. Neuerdings wirkt er richtig entspannt, schüttelt Helferhände, tätschelt Babywangen, kann ausdauernd lächeln.

Die einen glauben, dies liege an seinem Sohn John. Seit Oktober 2003 ist Brown, der vor fünf Jahren die PR-Expertin Sarah Macaulay heiratete, wieder Vater. Vorausgegangen war der tragische Tod Jennifers, der ersten Tochter des Paares. Sie starb, sieben Wochen zu früh geboren, im Krankenhaus.

Andere meinen, Blairs Rivale sehe jetzt nur deshalb so glücklich aus, weil er ihn endlich in der Tasche habe, den ersehnten Deal. Aus Dankbarkeit wolle der Premier sein Amt freiwillig in einiger Zeit an Brown übergeben, geht das Gerücht. Eine ähnliche Abmachung hat es der Legende nach schon einmal gegeben, besiegelt 1994 bei einem Italiener namens "Granita". Damals soll Blair versprochen haben, nach Erlangung der Macht dieselbe an Brown abzutreten. Später konnte er sich freilich an nichts mehr erinnern. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2005)

von Frank Herrmann
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.