Journalist Hersh kritisiert US-Medienpolitik und Rechercheunlust

9. Mai 2005, 08:39
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Pulitzer-Preisträger sieht Pressefreiheit auch in westlichen Ländern zunehmend bedroht

Der amerikanische Enthüllungsjournalist und diesjährige Leipziger Medienpreisträger Seymour M. Hersh sieht die Pressefreiheit auch in westlichen Ländern zunehmend bedroht. "Natürlich riskieren wir nicht jeden Tag aufs Neue unser Leben. Aber der Druck mancher Regierung auf die Journalisten nimmt zu", sagte Hersh in einem dpa-Gespräch zum Internationalen Tag der Pressefreiheit (3. Mai). Gleichzeitig sinke die Recherchelust bei vielen Kollegen.

"Zerrbild"

"Es ist lächerlich, was in Amerika passiert", sagte der Pulitzer-Preisträger. Er habe US-Präsident George W. Bush als "Feind der offenen Kommunikation" kennen gelernt, der nur ein Ziel habe: "Er will den internationalen Terrorismus bekämpfen - mit jedem Mittel. Und er will die Presse ruhig stellen." Eine Ausprägung davon sei Kriegsberichterstattung als "embedded journalism" (Journalisten, die beispielsweise in Panzerkolonnen mitfahren). "Sie bekommen Informationen und Bilder, aber es wird ein Zerrbild gezeigt."

Netz von Informanten

Hersh hat in der Vergangenheit mehrfach die Irak-Politik des Präsidenten kritisiert sowie die systematische Folterung und Erniedrigung irakischer Gefangener im US-Militärgefängnis Abu Ghoreib aufgedeckt und kürzlich konkrete Pläne für einen Einmarsch von US-Truppen in den Iran veröffentlicht. Weltweit bekannt wurde Hersh 1969, als er das Massaker von My Lai (Vietnam) aufdeckte. Das Geheimnis erfolgreicher Arbeit sieht der 67-Jährige in einem Netz von Informanten an den Schaltstellen der Macht wie in Ministerien, Regierungsbehörden und Geheimdiensten. "Gute Geschichten sind die, die die Männer an der Macht unglücklich machen."

Recherchemüdigkeit

Gleichzeitig beklagte Hersh eine Recherchemüdigkeit innerhalb der eigenen Zunft. "Viele Journalisten sind schlichtweg zu bequem, sie verlassen sich auf öffentliche Informationen statt nachzufragen." Deutschland attestierte er eine sehr kritische Presse. "Auch in Ländern wie Argentinien oder Lateinamerika gibt es in letzter Zeit kleine Fortschritte in Richtung Pressefreiheit, in den USA erleben wir allerdings einen Rückschritt", sagte Hersh. (APA/dpa)

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