Unter Busreifen erstickt

4. Mai 2005, 13:42
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Daniel Glattauer schildert den Prozess gegen einen Wiener Buslenker unter dessen Rädern ein 15-jähriges Mädchen starb

Wien - Diana war 15, als sie am Schulweg in der Früh über einen Schneehügel auf die Straße rutschte und unter den Autobus 12A der Wiener Linien schlitterte. Der Lenker hörte nur einen kurzen Schrei, stoppte sofort, stieg aus, sah nach. - Und da ist dieses Bild, das man nie mehr aus dem Sinn kriegt, wenn man es einmal vor Augen hatte. Allein die Vorstellung löst Bestürzung aus, selten sieht man im Gerichtssaal angespanntere Mienen. Die Schülerin war, auf dem Bauch liegend, unter den rechten Vorderreifen geraten. Der Bus mit seinen gut 15 Tonnen lastete auf ihrem Körper.

Der abgemagerte Chauffeur, dessen Augen auch noch eineinhalb Jahre später das Grauen widerzuspiegeln scheinen, muss sich wegen "Unterlassung der Hilfeleistung" verantworten. Er hatte sich geweigert, den Bus noch einmal in Bewegung zu setzen, sodass das Mädchen eingeklemmt blieb. Als die Notärztin sieben Minuten später eintraf, war Diana bereits tot. Sie war in der Folge der Kompression des Zwerchfells erstickt.

Dienstvorschrift

Laut Anklage soll sich der Lenker auf eine Dienstvorschrift berufen haben, wonach der Bus bei einem Unfall mit Verletzten prinzipiell so stehen bleiben muss, wie er steht. Von solch bürokratischem Zynismus bleibt aber in der Verhandlung nichts über. Tatsächlich glaubte der schwer geschockte Chauffeur, dass die Überlebenschance für einen unter einen Reifen geratenen Menschen größer sei, wenn man seine Lage nicht verändert, bis die Feuerwehr kommt, um den Bus in die Höhe zu heben. In der Ausbildung sei das beispielhaft belegt worden. "Das Mädchen war ohnehin schon sehr flach gedrückt. Ein Herunterrollen hätte alles noch schlimmer gemacht", sagt er. "Und wo hätte ich überhaupt hinrollen sollen, nach vorne, zurück? Ich hätte das nie geschafft." So hat er sich bis zum Eintreffen der Ärzte und Feuerwehrleute in einen Hausflur zurückgezogen. "Was haben Sie dort gemacht?", fragt die Richterin. "Geweint", erwidert der Angeklagte.

Freispruch

Der medizinische Gutachter beurteilt die Situation anders. "Wäre man mit dem Bus heruntergefahren, wäre das lebenserhöhend gewesen", sagt er. Man hätte allerdings den zu erwartenden heftigen Blutverlust rasch kompensieren müssen, "dann hat ein junger Mensch Überlebenschancen, kann sein zehn, kann sein 30 Prozent", schätzt der Mediziner. "Es war aber eine sehr, sehr schwierige Entscheidung", räumt er ein. "Eine horrible Situation", urteilt schließlich auch die Richterin. Sie spricht den Buslenker frei. (DER STANDARD – Printausgabe,03.05.2005)

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