Text-Archäologen am Werk

2. Mai 2005, 20:05
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Akademie für Sprache und Dichtung tagt

Salzburg - Glaubt man dem Eindruck vom Samstagabend, hat Literarisches Hochkonjunktur. Salzburgs republic konnte die "Lauschergemeinde" beim Literaturfest der in der Mozartstadt tagenden Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gerade noch fassen.

Die erlauchteste Hüterin über Geschriebenes deutscher Zunge hatte ihre alljährliche Frühjahrstagung in diesem Jahr an die Salzach verlegt, wo sie ihre neuen Mitglieder - neben der deutschen Schriftstellerin und Malerin Anita Albus und dem Hirnforscher Wolf Singer die österreichischen Autoren Raoul Schrott und Walter Kappacher - der interessierten Öffentlichkeit "vorstellte".

Und sie hatte die Crème österreichischer Autoren eingeladen zum Ausgraben und Anbohren versunkener literarischer Sedimentschichten. Wenn auch die Namen nicht mehr sind lautete das etwas sentimentale Motto eines langen Vorleseabends, dem Peter Hamm eine philosophisch-melancholische Präambel voranstellte.

Was der Moderator ausführte, war nicht ganz neu und kann für alle Kunstproduktion gelten. Nur ein winziger Bruchteil des geschaffenen Kunstgutes hat überlebt und ist stets wechselnd und für die jeweiligen Zeitgenossen oft falsch bewertet worden. Von den Korrekturversuchen lebt bekanntlich die Wissenschaft, da macht die Literatur nicht die geringste Ausnahme.

Was die geneigte Hörerschaft dann zu hören bekam, rief noch viel schmerzlicher als so mancher Wissensverlust in Erinnerung, dass auch die bekanntesten Schriftsteller nicht unbedingt die besten Vermittler sein müssen. Besser selber stressfrei lesen als verkrampft dem Verständlichen nachlauschen, dieser Wunsch regte sich mehr als einmal. Immerhin wurde man in der Rotlichtbeleuchtung der Bühne von Robert Schindel zur skurril-gespenstischen Schreibkunst eines Leo Perutz und von Robert Menasse zum klassischen Avantgardisten Gerhard Fritsch geführt.


Merz und Thor

Kathrin Röggla stellte die früh verstorbene Meta Merz vor, und Peter Hamm verbreitete sich über ganz entschwundene Abenteuerfiguren wie den Lyriker Jesse Thor und das wenigstens noch zugängliche Literaturgeschichtskapitel Albert Ehrenstein.

Schrullig-expressionistisch wurde es bei Gert Jonke und Alfred Kolleritsch. Dem einen lag der jung aus dem Leben geholte Kärntner Punk-Poet Georg Timber-Trattnig, dem anderen der steirische Bibliotheksbeamte Julius Franz Schütz am Herzen. Beide badeten zu Lebzeiten in mitunter schwer erträglichen Wortergüssen. Archäologische Expeditionen wie diese werfen immer wieder die Frage nach der Blindheit der Geschichte auf. Ist das Meiste zu Recht vergessen und nur lebloses lexikalisches Füllmaterial oder lebt in den ins Schattenreich abgesunkenen Werken eine bisher übersehene Qualität? Klärung hat auch dieses Literaturfest nicht gebracht. Die Grade der Interessantheit in den Begegnungen sind wohl das Entscheidende, nicht die Summe der fehlgeschlagenen Belebungsversuche.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.5.2005)

Von Anton Gugg
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