Sprachritte und Selbstansprache

2. Mai 2005, 20:25
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Die siebte "Poesie International" in Dornbirn

25 Dichterinnen und Dichter, vier Tage, ziemlich viele Achtel: Im siebenten Jahr kann man schon von einer Tradition sprechen - "Poesie International" in Dornbirn ist das, was der Name verspricht: eine Arena, in der Sprachen und lyrische Traditionen aufeinander treffen. Dass Franz-Paul Hammling das Programm ohne Avantgarde-Dogmatik, aber auch ohne Scheu vor dem schönen Spröden komponiert, weiß ein Stammpublikum zu schätzen, das bis Mitternacht im Spielboden durchhält. Denn im Orient gehen die Uhren tatsächlich anders: Der syrische Dichter Adonis, dessen Pseudonym tunlichst auf die Schönheit seiner Verse zu beziehen ist, und sein selbst dichtender Übersetzer Adel Karasholi sprengten das alemannische Zeitkorsett ebenso ungerührt wie der Wahlberliner Rajvinder Singh, ein Sikh aus dem Pandschab, der als Sänger beeindruckte.

"Versuch die Gedichte zu/ Verstehen in einer fremden/ Sprache. Man kann schon./Erstaunt über ähnliche Worte/ Zum Beispiel: der Schlagstock", hieß es bei Sabine Scholl, die dem modernen Sprachgetümmel mit schwebender Präzision nachspürt, ähnlich wie Kathy Zarnegin, Schweizerin mit persischen Wurzeln, in ihren betörend komplexen Umspringbildern.

Aus schwindelnder Höhe sprach der Naturmagier Christoph W. Aigner, dessen lyrisches Ich Engel wirft wie eine Katze Junge, und der zwischen bauschenden Eichen und gravitätischer Kürze schwankt. Wie weiland Christian Morgenstern erfreute dagegen Arne Rautenberg (Kiel) mit den Hobelspänen seiner ernsten Zimmermannsarbeit, als Sprachentfesselungskünstler mit einem "Benetton-Schock-Haiku" in Kettenform oder mit "ebenso": "der eine spricht/der andre bricht/dem wieder andren das gesicht/der eine lallt/der andre knallt/den wieder andren auf asphalt".

Nein, kein Kommentar zur Stimmung unter den Poeten, die war harmonisch; Neid als eine kunstbetriebliche Konstante wurde lyrisch artikuliert, der gewitzte Rhetoriker Uwe Kolbe hielt "Kolbes Selbstansprache mit Schrotts grandioser Aussicht". Das gab's notabene auch: ratlos machende Ethno-Naivität, Abgeschmacktes, gepflegteste Langeweile - Evelyn Schlag hätte ihre böse Frage "An die antiken Dichter" auch Joachim Sartorius stellen können: "Könnt ihr nicht einmal ohne Referenzen duschen?" Aber da war GINKA (Steinwachs), die grandiose Totalpoetin, die "schriftverstellerin", das alterslose "mädchen für das all".


Sprachdressurreiten

Und eine Entdeckung: der junge Schweizer Jürg Halter, seine hintergründige Weltanmaßung - "ich werde die Sprache dressurreiten". Spoken Poetry (Christian Uetz) und Lautkunst (Jaap Blonk) rührten an die mitreißende Mündlichkeit der arabischen und der walisischen Dichtung, mit dem lakonisch-ironischen Emyr Lewis als Wortführer. Die Geheimnisse der Kommunikation wirkten weiter im Gasthaus am Eingang der Rappenlochschlucht. Dort ward von Franz Joseph das erste Telefon der Monarchie eingeweiht - Poeten-Rätseln allenthalben: Mit wem telefonierten die?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.5.2005)

Daniela Strigl aus Dornbirn
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