Blutschlucker mit Wahrheitsdurst

2. Mai 2005, 19:57
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Die von Alexander Kubelka inszenierte Auswahl aus Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen" im Wiener Volkstheater

Die von Alexander Kubelka inszenierte Auswahl aus Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen" überzeugt im Wiener Volkstheater mit zweierlei Vorschlägen zur szenischen Güte. Erstens: Jelinek macht brauchbare Spielvorschläge. Zweitens: Man muss nur die besten nutzen.


Wien - Der Anbeginn, der jedem unabwendbaren Geschlechterzerwürfnis vorausgeht, gehört: einer im Abendrot ihrer Ära sitzenden Frau Direktor. Es ist Emmy Werners resignierte Stimme, die aus dem Off heraus Hesiods Theogonie im Wiener Volkstheater rezitiert. Denn in dieser Gründungsakte für Elfriede Jelineks Prinzessinnendramen werden dem Uranos von Sohn Kronos die Hoden abgeschnitten und blutspritzend in die Gegend geworfen.

Aus der verkleckerten Suppe steigen die rachedürstenden Erinnyen aus dem Schmutz der Überlieferung herauf. Zwei Putzfrauen, die jeweils auch noch die untröstlichen Dichterinnen Ingeborg Bachmann (Vera Borek) und Sylvia Plath (Babett Arens) personifizieren sollen. Die eine schlägt den Widder (Arens). Die andere raucht schon einmal vorsorglich diejenige Zigarette, die ihr im römischen Exil den Garaus via Brand machen wird.

Von nun an gelten Reinheitsgebote. Was in der genial durchdrehenden, durch sämtliche Bedeutungszentrifugen gedrehten Aggressionssprache der Jelinek nichts anderes meint als: Scheidungsakte, Unterwerfungsdiktate, Entblößungsvorgänge.

Stehaufmänner aus den Buntprospekten der Begehrlichkeitsindustrie klettern aus Bilderbüchern heraus und penetrieren die ihnen vorgesetzten Märchenprinzessinnen. Je nach Gemütsverfassung und Traditionsabkunft mit Jagdgewehr, Handkamera oder mit ihrer schamlosen Nacktheit.

Regisseur Alexander Kubelka ist, von den Suaden des Textes überströmt und wie besudelt, einen Mittelweg gelaufen. Er hat, als sein eigener Bühnenbildner, aus den aufklappbaren Buchseiten eine bewegliche Wandschachtel gezimmert. Er treibt nacheinander Schneewittchen, Dornröschen, Rosamunde (Jaschka Lämmert plus Ensemble) in ein kupfernes Deklamieren hinein. Was diesen überschnappenden Sätzen - die tief in Martin Heideggers Seinsgrund wühlen, um nichts als Worttrüffel und Gesinnungsmaden herauszustöbern - merkwürdig gut zu Gesicht steht.

Der ideologische Schmutz fliegt nur so dahin vor den Schüttwänden einer Zivilisationskloake. Das flächige Räsonieren eines greisen Schneewittchens (Erni Mangold), das nach "Wahrheit" sucht, die Hutzelschwänzchen der sieben Zwerge verfehlt und den Tod durch die Flinte des steinernen Försters (Michael Rastl) findet, atmet den Dunst einer gehässigen, leichenblassen Schönheit.


Rollschuhprinzessin

Von bemerkenswerter Güte auch die "Dornröschen"-Szene. Eine wunderschöne Rollschuhprinzessin (Julia Cencig) wird von einem Kraftkammer-Beau (Christoph von Friedl) in einen Zustand der fundamentalontologischen Wahrhaftigkeit hinaufgeküsst. Das burschikose Wollhaubenmädchen turnt umstandslos aus dem Schlummer seiner existenziellen Nicht-Befindlichkeit in eine buntpapiere- ne Euphorie hinüber. Cencig mimt den Bunny, der aus dem Kussmund eines haarwerfenden Prinzen das bisschen Beatmung zum Leben als leibhaftige Masturbationsvorlage förmlich heraussaugt.

Von solchen, im Gelärme der Satzfluten leicht untergehenden Paradoxa lebt die unüberbietbare Statuierungskunst Jelineks.

Kubelka erlaubt sich keinerlei Eigenmächtigkeiten (was den "Rosamunde"-Szenen leider gar nicht gut bekommt). Er hält aber auch erstaunlich stilsicher die Mitte zwischen toter Anbetung und lebendiger Anverwandlung. Er besitzt in Babett Arens eine der besten Jelinek-Sprecherinnen des Sprachraums. Und er macht sich mit Frohner-Kulissen und asiatischen Schubert-Sängerinnen gehörig lustig über einen Furor, der sich - an der Stelle des missliebigen Patriarchats - an sich selbst verschluckt.

Vom göttlichen Absturzplatz Hesiods in den Bühnenhimmel des Volkstheaters ist es ein weiter Weg. Kubelka und sein Team sind erstaunlich hoch geklettert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.5.2005)

Von Ronald Pohl
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    Heißa, wie einander Prinzessin (Julia Cencig) und Prinz (Christoph von Friedl) in der Kampfpause des Geschlechterkrieges Gutes taten.

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