Der Waluliso von Alt-Ottakring

3. Mai 2005, 19:34
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Alles, was von ihm in ein paar Jahren noch da sein wird, werden ein paar vage Erinnerungen sein, die man sich in den Heurigen von Alt-Ottakring zuraunt...

Es war vor über einer Woche. Aber im tiefen Alt-Ottakring war das egal. Es war nämlich so, als hätten wir beim Durchschreiten der hölzernen Tür Datum und Uhrzeit ausgeschalten: Draußen kreiste der J-Wagen um uns und machte sich dann auf den Weg zur Oper, aber in der Kornhäusel-Villa waren die Fensterläden geschlossen. Wir saßen da, lasen und freuten uns, eine andere Welt entdeckt zu haben.

Freilich: Diese Welt hatten nicht wir entdeckt. Ich war lediglich eingeladen worden, hier vorzulesen. Im Rahmen der „temporären künstlerischen Nutzung eines Sanierungsprojektes“, wie das auf dem Programmfolder von „wachgeküsst“ (www.wachgekuesst.at) ein wenig sperrig steht. Außerdem nutzten (und nutzen bis zum Wochenende) noch eine ganze Reihe anderer Leute das vergessene Schloss: Theatermenschen, Wienerliedsänger – und Fotografen., Maler und bildender Künstler. Auch A. stellt hier aus. Wir alle fühlten uns wie Entdecker.

Biotop Alt-Ottakring

Schließlich gibt es hier auch eine Geschichte. Die vom Besitzer. Dem, wie die Immobilienentwicklerin sagt, Waluliso von Ottakring. Oben, am Treppenabsatz zum ersten Stock könne man seinen Briefkasten sehen. Einer von den alten, kleinen. „Biotop Alt-Ottakring“ steht drauf. Größere Sendungen möge man unter der Tür durchschieben. Und dann hängt da auch ein Bild. O., der Besitzer: Ein Männlein in Radlershorts, weißen Tennissocken und zwei T-Shirts. Mit zwei an Kindergarten-Jausensäckchen erinnernden Stofftaschen.

O., erzählten auch die Ottakringer, die vorbeischauten, um zu sehen, wie es hier aussah – (Villa und Garten waren nie zugänglich gewesen), O. sei sonderbar gewesen. Ein Sammler. Er konnte nichts wegwerfen. Als er starb, sei das Haus und der Garten knöcheltief mit Müll bedeckt gewesen. Irgendwo soll O. sogar seine Telefonate deponiert haben: Einen ganzen Raum voll Tonbandkassetten. Und auch wenn der ein Kammerl war, das mit jeder Erzählung größer wurde, beschreibt dieses Nicht-Loslassen-Wollen O. ganz gut.

Fortpflanzungsklausel

Deswegen, heißt es in Ottakring, sei auch niemand überrascht gewesen, dass er auch mit seinem Testament versucht haben soll, sein kleines Reich nicht zügellos verfallen zu lassen: Die Erbin – angeblich eine Nichte oder Cousine – habe, munkelt man in Ottakring, geloben müssen, sich fort zu pflanzen, um das Erbe antreten zu dürfen. Die Frau habe ihrem Onkel daraufhin eine künstliche Befruchtung vorgelogen. Oder so ähnlich. Freilich will dafür keiner die Hand ins Feuer legen – es spielt aber auch keine Rolle. Nicht mehr.

Denn der Grund ist längst verkauft. Ab September sollen die Bagger rund um das Schloss die Herrschaft übernehmen. Dann werden im kleinen, verwilderten Park neue Wohnungen entstehen.

Ich saß da und las Geschichten vor. Über die Stadt und einige ihrer Menschen. Fast jeder im Publikum wusste mehr über O. als ich je wissen würde: Alles, was von ihm in ein paar Jahren noch da sein wird, werden ein paar vage Erinnerungen sein, die man sich in den Heurigen von Alt-Ottakring zuraunt. Aber das fand niemand schade. Außer mir.

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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von Thomas Rottenberg

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