Kopf des Tages: Christoph Schönborn

4. Mai 2005, 19:15
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Ein Kardinal im Popularitätshoch mischt sich ein

Christoph Schönborn schreibt Autogramme. Ein paar Schüler haben ihn auf der Straße erkannt und halten ihm die Blöcke hin: "Herr Kardinal, ein Autogramm." Und er schreibt. Ganz selbstverständlich, immer freundlich lächelnd.

Kardinal Schönborn wird derzeit von einer Sympathiewelle getragen. Die mediale Aufregung um den Tod von Papst Johannes Paul II. und die Wahl seines Nachfolgers haben die Kirche wieder verstärkt in den Blickpunkt gerückt, und Schönborn wusste die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gut zu nützen. Immerhin galt er nicht nur in Österreich, sondern auch in Italien als "papabile". Wenn auch als etwas zu jung. Schönborn wurde im Jänner 60. Die Buchmacher hatten ihn dennoch an der sechsten Stelle.

Das erstarkte Selbstbewusstsein der heimischen Kirche und ihres obersten Repräsentanten schlägt derzeit auch in der Politik durch und sorgt nicht nur in der ÖVP für Verwirrung. Der Kardinal redet forsch bei Schulfragen mit, hat sich mit SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer verbündet, sitzt beim Gipfel im Bundeskanzleramt ganz selbstverständlich zwischen Gusenbauer und Wolfgang Schüssel. Auch wenn er nach der Veranstaltung darauf hinweist, dass diese Materie ins Parlament gehört. Dort fallen nämlich die Entscheidungen, fügte der Kardinal geflissentlich hinzu.

Für große Aufmerksamkeit hatte Schönborns Predigt bei den Begräbnisfeierlichkeiten für Bundespräsident Thomas Klestil im Stephansdom gesorgt. "Braucht es erst Krankheit und Tod, damit wir Wohlwollen und auch Barmherzigkeit zeigen?", fragte der Kardinal und meinte damit jene, die es Klestil nicht verzeihen wollten, dass er seine Frau verlassen und eine andere geheiratet hat. Schönborn gestand auch ein, wie schwer sich die Kirche im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen tue. Es waren ungewöhnlich offene Worte, die viele dem stets um Konsens bemühten Kirchenmann nicht zugetraut hätten.

Schönborn, der einer böhmischen Adelsfamilie entstammt, die insgesamt schon sieben Bischöfe und Kardinäle hervorgebracht hat, wird - je nach Standpunkt - sehr unterschiedlich eingeschätzt. Ein hohes Maß an Intellektualität billigen ihm alle zu; die einen stufen ihn als sehr weit rechts stehend und konservativ ein, die anderen als fortschrittlich und (zu) liberal. Er ist jedenfalls prinzipientreu und fordert von der Jugend, an die jungfräuliche Empfängnis Marias zu glauben - "weil es wirklich so war".

Seit 1995 ist Schönborn Erzbischof, 1998 hatte der Dominikaner als Nachfolger von Kardinal Hans Hermann Groër ein schweres Erbe anzutreten. Bischof Kurt Krenn erschütterte die Kirche ein weiteres Mal. Jetzt scheinen ruhigere Zeiten angebrochen, in denen ein Kardinal auch um Autogramme gebeten wird. (DER STANDARD-Printausgabe, 3.5.2005)

Von Michael Völker
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