Van der Bellens Stunde

2. Mai 2005, 18:15
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Der grüne Parteichef will seine Partei nicht als Beiwagerl einer Großpartei in den Wahlkampf führen - Von Barbara Tóth

Tarnen und Täuschen, Buhlen und Bluffen - das sind die Regeln im politischen Spiel des Wer-mit-Wem. Es ist kein Zufall, dass die ÖVP den jüngsten Reigen der Koalitionsspekulationen mit einem deutlichen Signal in Richtung Schwarz-Grün begann. Die Wendegemeinschaft hat sich überlebt - in der Außen- wie der Innenwirkung. Schüssels Kabinett wirkt trotz aller Reformrhetorik ausgelaugt.

Es ist auch kein Zufall, dass die Grünen die schwarzen Avancen heftig ablehnen. Der grüne Parteichef Alexander Van der Bellen will seine Partei nicht als Beiwagerl einer Großpartei in den Wahlkampf führen, sondern als selbstbewusste dritte Kraft. Nur so kann er als gleichberechtigter Partner am Wahlabend in die Koalitionsverhandlungen eintreten und - so hofft er - wiederholen, was auch Schüssel gelang: sein Wahlergebnis machtpolitisch maximal ausreizen. Nichts ist Van der Bellen lieber, als wenn ÖVP und SPÖ im Vorwahlkampf um die Gunst der Grünen buhlen. Verortungen wie "Schwarz-Grün" oder "Rot- Grün" kann er jedoch nicht brauchen - beides vertreibt potenzielle Wähler.

Seine Strategie der "Äquidistanz" ist ein heikler politischer Balanceakt - mit eingebautem Enttäuschungsfaktor. Für welchen Koalitionspartner sich die Grünen auch nach der Wahl entscheiden, einen Teil ihrer Wählerschaft wird sich automatisch abwenden. Sein wahres Meisterstück wird der grüne Professor bei den Koalitionsverhandlungen zu leisten haben: Er braucht einen Koalitionspakt mit deutlich grüner Handschrift - um Wähler zu halten und neue zu gewinnen. Und derzeit scheinen sich die Grünen in einer konservativen Konstellation besser profilieren zu können als unter einer von Alfred Gusenbauer geführten linkspopulistischen SPÖ. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 03.05.2005)

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