"Am Anfang war die ÖVP-Frau"

3. Mai 2005, 07:00
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... meint zumindest Marlies Flemming und kassiert für ihre Verdrehung herstorischer Fakten eine saftige Zitrone

Man/frau kennt das ja: wo gefeiert wird, kann's leicht euphorisch werden und irgendwie gehört das ja zusammen, das Feste feiern und der Euphorismus. Eine notwendige, weil Freuden spendende Symbiose sozusagen, die jeder und jedem gegönnt sei, auch den PolitikerInnen. Ihnen sei, wenn auch zugebenermaßen ungern, das Recht auf Selbstbeweihräucherung und Eigenlob ebenso zugestanden, im vollen Bewusstsein, dass Werbung auf Lügen basiert. Nur - und hier liegt der Kern des Problems - stehen PolitikerInnen in der Verantwortung politischer Sorgfalt, in diesem speziellen Fall die historischen Fakten betreffend.

Bei der vergangene Woche statt gefundenen Feier "60 Jahre ÖVP-Frauenbewegung" wurde diese Verpflichtung übersehen bzw. ignoriert, insbesondere durch folgende Worte Marlies Flemmings: "Es waren bürgerliche Frauen, die im 19. Jahrhundert auf die Straßen gegangen sind, für die Schwestern in der Fabrik. Und es waren bürgerliche Frauen, die in den 60er-Jahren die zweite Welle der Frauenbewegung ausgelöst haben".

Nun Frau Flemming, da müssen wir Sie leider enttäuschen und wir raten Ihnen, Ihr herstory-Wissen etwas aufzufrischen. Es war zwar eine Bürgerliche, nämlich Karoline von Perin, welcher mit der Gründung des "Wiener Demokratischen Frauenvereins" die Initiation der österreichischen Frauenbewegung im Zuge der Bürgerlichen Revolution von 1848 zugeschrieben wird, doch auslösend dafür war die "Praterschlacht" vom 23. August 1848, in der Arbeiterinnen gegen ihre Lohnkürzungen demonstriert und sich der Gefahr von Enlassungen und Haftstrafen ausgesetzt hatten. Auch bei der folgenden Verteidigung des demokratischen Wiens gegen die kaiserlichen Truppen waren es die Proletarierinnen und nicht die bürgerlichen Frauen, die unter schlimmsten Beschimpfungen wie "unweibliche Amazonen" und "Freudenmädchen", deren Männer zu bemitleiden seien, auf die Barrikaden gestiegen sind.

Während die Arbeiterinnen alles, zum Teil auch ihr Leben, auf's Spiel setzten, trifft dies auf die Vertreterinnen der bürgerlichen und katholischen Frauenbewegung nicht zu. Auch wenn jene in eingeschränkten Ideologie-Konzepten (Mutter, Hausfrau und einige wenige Berufe, die als standesgemäß erachtet wurden) leben mussten, waren sie nie wirklich existenziell bedroht. Darüber hinaus wurde das konservative Frauenbild bis dato von der ÖVP aufrecht erhalten und im modernen Gewand von "stark-schwarz-weiblich" weiter getragen.

Ebenso ist auch der zweite Teil der Flemming'schen Aussage, bürgerliche Frauen hätten die Neue Frauenbewegung in den 60er-Jahren ausgelöst, grundweg falsch, denn letztere ging direttissima aus der Studentinnen-Bewegung von 1968 hervor und diese war, wie allgemein bekannt, von der politischen Linken getragen. Die ÖVP-Frauen haben die damals waltenden gesellschaftsstürzlerischen Ansätze und Umsätzungen - ein erster großer politischer Erfolg von linker Frauenbewegung und SPÖ war die Durchsetzung der Fristenregelung - boykottiert und praktizieren das Ver- oder zumindest Behindern von emanzipatorischen Entwicklungsprozessen bis zum heutigen Tag mit größtem Eifer.

Wenn also die bürgerlichen Frauen für die Frauenbewegung in irgendeiner Form auslösend waren, dann als Behinderinnen, Gegen-Bewegungs-Frauen und als Auslösende des Backlash. (dabu)

03.05.2005
  • Marlies Flemming wäre gut beraten, ihr Geschichtswissen aufzufrischen.
    foto: diestandard-montage
    Marlies Flemming wäre gut beraten, ihr Geschichtswissen aufzufrischen.
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