Die Weisheit künstlicher Babysitter

9. Mai 2005, 11:26
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Rund um den Österreicher-Tag auf der Expo in Aichi konnte sich DER STANDARD überzeugen: die auf der Weltausstellung präsentierten Roboter leisten viel mehr als Sklavendienste: Sie hüten Kinder, muntern Kranke auf oder spielen Musik

In den Firmen-Pavillons, die sich von den Pavillons der 122 vertretenen Nationen durch Hightech-Präsentationen abheben, ist die Kontaktaufnahme mit vielen der intelligenten Maschinen erwünscht. Es wäre auch zu schwer, dem Roboter Paro zu widerstehen. Wird die flauschig-weiße Babyrobbe mit den glänzenden Glubschaugen gekrault, so gurrt sie wohlig, winkt mit den Flossen und senkt die langen schwarzen Wimpern. Paro ist jedoch kein Spielzeug für fantasielose Kinder, sondern ein ernsthafter Therapie-Roboter mit Stimmerkennung und wird - auch außerhalb Japans - bereits in Altenheimen und Kinderkliniken eingesetzt.

Im Gegensatz zu "echten" Therapietieren beißt Paro nicht, ist frei von Krankheitserregern und hat einen antibakteriellen Pelz. Seine Heilkräfte liegen - laut seiner Entwickler vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology - darin, dass das Plüschtier zum Kommunizieren anregt.

Der von NEC gefertigte Childcare Robot PaPeRo kann noch viel mehr: Der putzige sechs Kilogramm schwere Babysitter kann Gesichter und Stimmen erkennen, mit seinen Schützlingen plaudern, Quizfragen stellen und tanzen. Wird der berührungsempfindliche Geselle an den richtigen Stellen (Bauch, Schulter, Kopf) gestreichelt, leuchten seine Wangen rot auf. Gerät die Situation trotz Partner-Roboter außer Kontrolle, werden die Eltern via Handy verständigt.

Angst, dass die interaktiven Wachroboter, treppensteigenden Rollstühle und fahrerlosen Kehrmaschinen ausflippen könnten, scheinen die Expo-Besucher nicht zu haben. So sind täglich 14 Shows im Toyota-Pavillon mit jeweils 800 Besuchern, die über drei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen, stets ausverkauft. Bestaunt wird unter anderem eine Combo feingliedrig musizierender Partner-Roboter.

Die Verschmelzung

Mensch und Maschine verschmelzen und versprechen eine barrierenfreie Zukunft. "Der Techno-Optimismus in Japan ist geprägt von den positiven Erfahrungen durch wirtschaftliche Innovation: Wettbewerbsfähigkeit und Effizienzsteigerung sind eng mit der Robotertechnologie verbunden. Nicht zuletzt weist die demografische Entwicklung - zusammen mit einer mehr als nur konservativ zu bezeichnenden Einwanderungspolitik - auf einen gigantischen Zukunftsmarkt hin, in dem fehlende Arbeitskräfte durch technologische Innovation kompensiert werden sollen", meint Japan-Experte Wolfram Manzenreiter. Schließlich wird im Jahr 2050 ein Drittel der japanischen Bevölkerung älter als 65 sein. Der Wissenschaftler vom Wiener Institut für Ostasienwissenschaften schränkt jedoch ein: 'Es ist ein Irrglaube, dass jeder Japaner enthusiastisch auf die Techno-Humanoiden reagiert und die Aussicht auf einen Roboter-Altenpfleger positiv bewertet."

Seit der Eröffnung am 25. März haben fast drei Millionen Menschen die Weltausstellung besucht. Rund die Hälfte der Gäste kommt aus der Umgebung der Expo, der Präfektur Aichi, deren Hauptstadt Nagoya rund 300 Kilometer südwestlich von Tokio liegt. Besonders beliebt sind die Firmenpavillons von Toyota, Hitachi und Mitsui-Toshiba sowie der Japanische Nationalpavillon. Den österreichischen Pavillon haben bisher 210.000 Besucher besichtigt (zum Vergleich: 280.000 japanische Touristen besuchten 2004 Österreich).

Die Menschenmassen wollen bewegt werden, denn allein per pedes ist das 173 Hektar große Expo-Gelände nicht zu bewältigen, und die meisten Besucher kommen nur für einen Tag. Durch Erdgas betriebene automatische Busse kurven fast lautlos und ohne Fahrer in Dreierkolonnen auf magnetisch markierten Strecken. Expo-Gelände und U-Bahn sind durch eine Magnetschwebebahn miteinander verbunden. Weiters sorgen Wasserstoffbusse für emissionsarmen Verkehr.

Wie die Transportmittel, so reflektiert auch die Bauweise vieler Pavillons das Motto der Expo "Weisheit der Natur". Für den Bau des Natural Circle Earth Pavilion von Toyota wurden großteils Recyclingmaterialien verwendet: Die in der Außenkonstruktion verwendeten Stahlrahmen sind kaum verschraubt oder verschweißt und somit abbau-und wieder verwendbar. Die Wände bestehen aus Papier und Kenaf, einem Pflanzenmaterial. (Julia Harflinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 5. 2005)

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    Paro

    Die Therapie-Roboterrobbe Paro wird bereits in Altenheimen und Kinderkliniken eingesetzt, um zur Kommunikation anzuregen

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