Wiener Linien: Busfahrer freigesprochen

3. Mai 2005, 10:01
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15-Jährige geriet unter Vorderreifen - Chauffeur war für Erstickungstod strafrechtlich nicht verantwortlich

Wien - Ein 15-jähriges Mädchen wollte am 24. Februar 2004 an der Ecke Mariahilfer Straße/Grenzgasse in Wien-Fünfhaus vor einem heran nahenden Bus der Linie 12A noch schnell die Straße überqueren. Sie wurde trotz einer Vollbremsung vom Bus erfasst, kam so zu Sturz, dass sie genau unter dem rechten Vorderreifen des Tonnen schweren Gefährtes zu liegen kam. Den Lenker traf keine Schuld, dass sie starb, wurde am Montag im Straflandesgericht entschieden.

Kollision war nicht zu verhindern

Von Anfang an war klar gewesen, dass der 38-jährige Mann für den eigentlichen Unfall nichts konnte. Er hatte keine Chance, die Kollision zu verhindern. Die Staatsanwaltschaft legte ihm allerdings Unterlassung der Hilfeleistung zur Last: Er hatte sich unter Berufung auf eine Dienstvorschrift geweigert, trotz Aufforderung eines Fahrgastes und eines Augenzeugen den Bus noch ein Mal in Bewegung zu setzen, so dass dieser auf dem im Beckenbereich eingeklemmten Mädchen verblieb.

"Hätte nur schlimmer werden können"

Ein Aufseher der Wiener Linien, der bereits eine Minute nach dem Unfall am Ort des Geschehens eingetroffen war, bestätigte ihn darin, weshalb er mitangeklagt wurde. Die beiden Männer glaubten, das Mädchen wäre sofort verblutet, wenn man "zurück gerollt wäre", wie sich der Lenker jetzt in der Verhandlung ausdrückte: "Für mich war klar: Oben bleiben und den Bus von der Feuerwehr in die Höhe heben lassen. Wohin hätte ich denn fahren sollen? Vor oder zurück? Das Mädchen war sehr flach gedrückt. Es hätte nur schlimmer werden können."

Beide Männer freigesprochen

Richterin Minou Factor sprach von einem "tragischen Unglücksfall, einer horriblen Situation, in der Sie sich da befunden haben" und sprach beide Männer frei. Sie hätten sehr rasch Rettung, Polizei und Feuerwehr verständigt und nur wenig Zeit gehabt, ihre Einschätzung zu überdenken. Als die Notärztin sieben Minuten nach dem Unfall zur Stelle war, war das Mädchen schon tot.

Wie Gerichtsmediziner Christian Reiter darlegte, starb die 15-Jährige, weil ihr in Folge der Kompression des Zwerchfells das Einatmen nicht mehr möglich war. Zudem hatte sich in Folge des Drucks ein Teil des Bauchinhalts in die Brusthöhle verlagert.

"Gewisse Überlebenschance"

Ihre inneren Verletzungen waren zwar schwer. "Wäre man mit dem Bus herunter gefahren, wäre das aber lebenserhöhend gewesen. Ein junger Mensch hätte bei diesen Verletzungen eine gewisse Überlebenschance gehabt, wenn bei den zu erwartenden heftigen Einblutungen der Blutverlust rasch kompensiert worden wäre", so der Sachverständige. Reiter bezifferte die Überlebenschancen mit "mindestens einem zweistelligen Prozentsatz. Vielleicht waren es zehn Prozent, vielleicht 30."

Er gestand den Beschuldigten aber zu, vor einer "sehr, sehr schwierigen Situation" gestanden zu sein. Er verwies auf die Angaben der Notärztin, die nur dann für ein Wegrollen plädiert hätte, wenn sie zu diesem Zeitpunkt schon mit Infusionen und ihren Sanitätern zur Stelle gewesen wäre. Im Zeugenstand hatte die Medizinerin betont, dass aus ihrer Sicht die Männer richtig gehandelt hatten.

Die Freisprüche sind nicht rechtskräftig. Staatsanwältin Michaela Schnell gab vorerst keine Erklärung ab. (APA)

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