Chinesischer Journalist darf Pressefreiheit-Preis nicht abholen

3. Mai 2005, 15:00
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"Nanfang Dushi Bao" deckte Sars-Epidemie auf

Ein wegen seiner kritischen Berichterstattung bekannter chinesischer Journalist darf einen Medienpreis der Vereinten Nationen nicht persönlich entgegennehmen. Das berichtete die in Hongkong erscheinende Zeitung "South China Morning Post" am Montag. Cheng Yizhong war Chefredakteur der Zeitung "Nanfang Dushi Bao", als diese im Winter 2003 die von der Regierung in Peking zunächst verschwiegene SARS-Epidemie aufdeckte. Dafür soll er am Dienstag den ihm von der Erziehungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) verliehenen Guillermo-Cano-Preis für die Freiheit der Weltpresse erhalten.

Einschüchterungsversuch

Eine UNESCO-Sprecherin bestätigte der Nachrichtenagentur Associated Press, dass Cheng nicht zu der Preisverleihung in der senegalesischen Hauptstadt Dakar kommen könne. Warum, habe er nicht mitgeteilt. Cheng und zwei seiner Kollegen der "Nanfang Dushi Bao" hatten im vergangenen Jahr fünf Monate hinter Gittern verbracht. Nach offiziellen Angaben wurden sie zu einem Korruptionsfall verhört, viele Journalisten sahen in der Inhaftierung aber einen Einschüchterungsversuch.

Die in Guangzhou (Kanton) in der südchinesischen Provinz Guangdong erscheinende "Nanfang Dushi Bao" hatte die Behörden nicht nur mit ihrer SARS-Berichterstattung, sondern auch mit einem Artikel über den Tod eines Mannes in Polizeigewahrsam herausgefordert. Nach der Veröffentlichung erlegte die chinesische Regierung der Polizei neue Regeln für den Umgang mit Gefangenen auf. Mittlerweile arbeitet Cheng für eine ebenfalls in Guangdong erscheinende Sportzeitung. Dort war er am Montagmorgen nicht zu erreichen. Einträge des Journalisten in Internetforen, die zuvor per Suchmaschine zu finden waren, waren am Montag nicht mehr abrufbar.

UNESCO-Mitarbeiterin Sylvie Coudray sagte der AP in einem Telefongespräch aus Dakar, der Weltverband der Zeitungen (World Association of Newspapers) werde den Preis für Cheng entgegennehmen. Er habe der UNESCO eine Botschaft gesandt, die bei der Zeremonie verlesen werden solle. (APA/AP)

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