Asiens motorisierte Zukunftsfrage

9. Mai 2005, 13:22
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Die Kosten der Mobilität für die Umwelt könnten unermesslich werden, wenn Abermillionen Menschen in China und Indien aufs Auto umsteigen

Nagoya/Wien - Der Sommer 2004 in Japan war heiß, außergewöhnlich heiß sogar, selbst für japanische Verhältnisse. Vor einigen Jahrzehnten hätte man das als bedeutungslose Wetterkapriole abgetan, heute werden Temperaturexzesse umgehend als mögliche Vorboten gravierender Klimaveränderungen interpretiert.

Wie heiß wird es aber erst, wenn sich Vollmotorisierung und ungebremste Mobilität in China und Indien mit ihren 2,3 Milliarden Menschen ausbreiten? Das war eine der zentralen Fragen, die in der vorvergangenen Woche von Politikern, Journalisten aus asiatischen Staaten und EU-Ländern sowie Experten aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen auf einer dreitägigen Konferenz im japanischen Nagoya erörtert wurden - in unmittelbarer Nachbarschaft zur Expo 2005 und nicht unweit der Kaiserstadt Kioto, wo im Jahr 1997 das gleichnamige Klimaschutzprotokoll ausgearbeitet wurde.

Ergrünte Beziehungen

Über einen Punkt bestand auf dem Symposium zum "Ergrünen der internationalen Beziehungen", das von der Vertretung der EU-Kommission in Tokio, der Asian European Foundation (ASEF) sowie der Präfektur von Aichi veranstaltet wurde, jedenfalls Konsens: Wie die Welt 2020 aussehen wird, entscheidet sich vorrangig in China und in Indien. Eine griechische Diskussionsteilnehmerin zitierte eine Prognose, die "Worldwatch"-Gründer Lester Brown für den Fall erstellt hat, dass jeder Chinese (jährliches Durchschnittseinkommen heute: 5300 US-Dollar) auf das Lebensniveau der Amerikaner (38.000 US-Dollar) aufschließen würde. Bei einer Wachstumsrate von acht Prozent wäre es 2031 so weit: Wenn dann der Autobesitz in China auf die gleiche Rate emporgeklettert wäre wie in den USA - 0,77 Autos pro Person oder drei Autos für je vier Menschen - , dann hätte allein dieses Land eine 1,1 Milliarden Fahrzeuge starke Automobilflotte - viel mehr als die 795 Millionen Autos, die es gegenwärtig weltweit gibt. Aus dieser - und anderen - Prognosen zieht Brown den Schluss, dass sich das westliche Wirtschaftsmodell schlicht nicht global ausweiten lasse.

Hiroyuki Watanabe, der die Umweltschutzabteilung der Firma Toyota leitet, gab sich optimistischer und setzte auf technischen Fortschritt: Der Drang zur Mobilität sei so tief in der menschlichen Natur verwurzelt, dass man die Entwicklung weder bremsen könne noch solle - nun gelte es eben intelligentere und umweltschonendere Autos zu bauen. Das tut Toyota zwar, doch die 140.000 Hybridautos ("Prius"), die der Autokonzern jährlich absetzt, sind nur ein geringer Teil der 4,68 Millionen Autos, die Toyota voraussichtlich 2005 verkaufen wird.

Inger Schörling, eine der Gründerinnen der schwedischen Grünen, die zehn Jahre lang als EU-Parlamentarierin in Brüssel gearbeitet hat, mahnte dagegen grundlegendes Umdenken an: "Die asiatischen Staaten dürfen nicht denselben Fehler machen wie wir in Europa. Auch wir haben lange gewirtschaftet und die Umweltkosten erst danach erhoben." Ins selbe Horn stieß der indonesische Ex-Umweltminister Emil Salim, der sich überzeugt gab, dass die kommunistische Bürokratie in China die Gefahren der totalen Automobilmachung bestens verstanden habe, aber einfach noch nicht wisse, wie sie ihnen begegnen soll.

Aus japanischer Perspektive wiederum ist schmerzlich, dass weder der große Nachbar China noch die USA beim Kioto-Protokoll dabei sind. Ob es da für Japan überhaupt sinnvoll sei, dass es dieses Protokoll ratifiziert habe, wollte ein Journalist vom stellvertretenden Umweltschutzminister Seizo Matsumoto wissen. Der gab sich moderat optimistisch: Auch wenn sich der Senat in Washington quer lege, gebe es doch auch viele Amerikaner, denen die Verringerung des Schadstoffausstoßes in die Atmosphäre ein dringliches Anliegen sei: "Mit denen versuchen wir so intensiv wie möglich zusammenzuarbeiten." (Christoph Winder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.5.2005)

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    Die Räder haben ausgedient - Die Automobilflotte in China wächst - mit gravierenden Folgen für die Umwelt

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