Erster Mai

2. Mai 2005, 18:56
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Es war vor Jahren. Doch G.s Vorwurf, ein egoistischer und unsolidarischer Opportunist zu sein, ...

Es war vor Jahren. Doch G.s Vorwurf, ein egoistischer und unsolidarischer Opportunist zu sein, hallt mir heute noch in den Ohren. Aber vielleicht liegt das ja auch daran, dass ich G. gerade getroffen habe – und ihm nach unserer ersten Wiedersehensfreude wieder Anlass und Grund gegeben habe, den Vorwurf zu wiederholen.

G. ist ein glühender und treuer Genosse. Und deshalb kann er zum einen nicht verstehen, wieso ich der Partei nicht beitrete und – zum anderen – schon gar nicht nachvollziehen, wieso. Schließlich, sagt G., stammen wir doch aus dem selben Favoritner Bau. Gemeindebau. Auch wenn der in Wirklichkeit eine hübsch spießige Gemeinde-Reihenhaussiedlung mit Gärten war – aber „Bau“, fand G., klänge irgendwie sozialistischer.

Hoher Tag

Dort jedenfalls war der erste Mai immer ein hoher Feiertag. Und der Kassier – nebenbei der lokale ARBÖ-„Funkfreund“, der sich mit dem quäkenden Lautsprecher am Dach seines alten Opels mindestens einmal wöchentlich in den Diensts der Information des Parteivolkes stellte - machte seine Runde schon zehn Tage vor dem Fest: Ob man denn auch genug Fähnchen hätte? Und ob man eh wisse, wann und wo die Sektion losmarschiere?

Meine Eltern – also unsere Fenster – waren dann immer das schwarze Loch im roten Fähnchenwald: Keine Fahnen. Kein Marschieren. Und als sie dann auch noch wegen irgendwelchen Peter-, Hainburg- und/oder BSA-Vergangenheitsfrustrationen der Partei den Rücken kehrten nahm der Kassier das sehr persönlich. (Nebenbei: Dass meine Mutter aus diesem Grund bis zum Ende ihres Volksschullehrerinnendaseins nicht Direktorin werden wird, ist natürlich eine böse Unterstellung meinerseits.) Und auch G. war gekränkt.

Blasmusik

Ein paar Jahre später habe ich G. dann an einem ersten Mai in der Blue Box getroffen. Er hat gefragt, ob ich nicht doch beitreten wolle. Das war der falsche Augenblick: Dort, wo ich da gerade wohnte, traf sich nämlich die Blasmusik der Bezirkspartei. Und blies sich für den langen Marsch mit den Genossen warm: Dass man mich jeden Jahr einmal mit Humptata aus dem Bett werfe, sei ein guter Grund, der Sozialdemokratie auf Dauer Gram zu sein, erklärte ich. Er warf mir Kleingeistigkeit, Egoismus und das Fehlen jedes Verständnisses für Solidarität vor.

Heute morgen bin ich dann in G. hineingelaufen. Es war am Maiaufmarsch. Irgendwo zwischen Goethedenkmal und Parlament dirigierte G. eine einige hundert Köpfe starke SP-Teilgruppe im großen Konzert der Wiener Genossen. Wir drehten gerade unsere Laufrunde und waren froh, eine Ausrede zu haben, in gemächlichen Demo-Trott fallen zu dürfen. Auch G. freute sich. Ich würde doch jetzt bis zum Rathausplatz mitdemonstrieren – über die Gründe bräuchten wir ja nicht wirklich zu diskutieren. Gerade dieser Tage nicht.

Luftqualität

Als ich höflich ablehnte, fragte G. nach meiner Ausrede – Zeit, meinte er und zeigte auf mein Outfit, dürfte ich ja wohl haben. Es war mein Laufbuddy, der es sich dann nicht verkneifen konnte, G. die Wahrheit rein zu drücken: unser Dank, sagte er, sei der SPÖ gewiss. Schließlich wäre durch die Sperre der Ringstraße die Luft hier fast so gut wie im Prater. Wenn es nach uns ginge, dürfte die Partei hier also jeden Tag marschieren – aber wir könnten halt nicht mitgehen. Schließlich gelte es, die gute Luft zu genießen. Als wir weiter liefen, riefen wir „Freundschaft“ – aber G. blieb stumm.

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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