Bekräftigung transatlantischer Vorurteile

3. Mai 2005, 08:58
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Thema Antiamerikanismus: Ein klischeebeladener Abend des Wiener Ustinov-Instituts

Wien - Es hätte ein Abend für ein besseres Verständnis zwischen Europa und den USA werden sollen, zu dem das Wiener "Sir Peter Ustinov Institut zur Erforschung und Bekämpfung von Vorteilen" vergangenen Freitag in die Diplomatische Akademie rief. Doch die beiden Hauptreferate dienten vor allem dazu, bestehende transatlantische Vorteile zu bekräftigen. Der rumänisch-österreichische Politikwissenschafter Andy Markovits, der sich in seinem Buch "Amerika, dich hasst sich's besser" den breiten Antiamerikanismus in den europäischen Medien aufzudecken versucht, erklärte, dass Europa schon "seit Kolumbus" antiamerikanisch war und diese Meinung quer durch alle Länder und soziale Schichten gehe.

Vor allem in der gebildeten Elite sei Hass auf Amerika endemisch. "Antiamerikanismus ist kein nationales, sondern ein europäisches Phänomen" und sei heute ein zentrales Element der europäischen Identitätsfindung. Die Liebe zur amerikanischen Kultur sei kein Hindernis für dieses Ressentiment, denn "wer eine Kultur gierig konsumiert, heißt es noch lange nicht, dass man die Kultur nicht hassen und verachten kann". Als Beweis brachte Markovits einige Anekdoten aus dem Sport und Zitate aus Zeitungen, etwa den Hinweis auf die "Amerikanisierung des deutschen Fernsehens" durch die Live-Anhörung Joschka Fischers.

Eine genaue Beweisführung ist laut Markovits nicht nötig; denn "der Ton macht die Musik". Was Antiamerikanismus wirklich sei, könne er erst beurteilen, wenn er es sehe. Munition hätte Markovits in den Ausführungen seiner Vorrednerin, der Schweizer Juristin und Expolitikerin Gret Haller, finden können.

Kein Rechtsgedanken Sie zeichnete ein klischeehaftes Bild der USA, in denen ausschließlich Religion die Staatsidee bestimme und bigotte Moralvorstellungen an die Stelle des europäischen Rechtsstaats getreten seien. Die USA seien grundsätzlich nicht in der Lage, völkerrechtliche Verträge anzuerkennen, weil dies den Rechtsgedanken voraussetzt. Kein Wort verlor Haller über die amerikanische Verfassung, die von Männern der Aufklärung geschrieben wurde und bis heute die Regeln der Politik vorgibt.

Sie verwies stattdessen auf die US-Kultur des nationalen Bekenntnisses, die Europa zum Glück bereits überwunden habe. "Europa weiß heute über die Gefährlichkeit von Bekenntnissen", sagte sie mit Hinweis auf den Zweiten Weltkrieg und den Balkan. Man dürfe "nie moralisch argumentieren und nie die Frage stellen: Wer ist besser?", fügte die Autorin des Buches "Die Grenzen der Solidarität" dann paradoxerweise hinzu.

Für sie bleiben die tieferen transatlantischen Gegensätze daher unüberwindbar. Erst in der Podiumsdiskussion mit drei prominenten europäischen Journalisten wurden die doktrinären Positionen der beiden Referenten infrage gestellt. Ustinov hätte sich jedenfalls gewundert. (DER STANDARD, ef, Printausgabe, 2.5.2005)

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