Kopf des Tages: Kleidsame Warnung, gutes Geschäft

12. Mai 2005, 15:39
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Beim Autofahren rot zu sehen ist seit Sonntag ein Beitrag zur Hebung der Verkehrssicherheit. Aber auch Gelb und Orange ...

Beim Autofahren rot zu sehen ist seit Sonntag ein Beitrag zur Hebung der Verkehrssicherheit. Aber auch Gelb und Orange erfüllen den Zweck, denn in diesen drei Farben dürfen die Warnwesten gehalten sein, deren Tragen bei Pannen seit 1. Mai in Österreich Pflicht ist.

Wobei - nach den Buchstaben des Paragrafen 102 im Kraftfahrgesetz müssen es nicht einmal Westen sein. Vorgeschrieben ist dort nur, dass der Lenker eines mehrspurigen Kraftfahrzeuges "eine geeignete, der ÖNORM EN 471 entsprechende Warnkleidung mit weiß retroreflektierenden Streifen mitzuführen" hat. Die Norm regelt aber vor allem, wie viel fluoreszierendes und reflektierendes Material ein Kleidungsstück besitzen muss, um als "Warnkleidung" durchzugehen - ob Jacke oder Hose ist egal.

In den meisten Fällen wird aber wohl die Weste zum Einsatz kommen, wenn der Wagen streikt. Neben der Mitnahmepflicht für den Lenker gibt es auch eine Benutzungspflicht. Auf Freilandstraßen muss man sie bei schlechter Sicht überstreifen, wenn man das Pannendreieck aufstellen geht. Und auf Autobahnen muss der Fahrer die Warnkleidung sogar schon im Fahrzeug anlegen, ehe er aussteigt.

Allerdings nur der Fahrer, alle anderen Insassen können westenfrei bleiben. Und noch ein Punkt ist zu bedenken: Da die Pflicht für den Lenker, nicht aber für den Zulassungsbesitzer besteht, wird man beim Ausleihen eines Mietautos ab sofort mit der Weste unter dem Arm beim Verleiher aufkreuzen müssen.

Bis zum 1. August wird sich die Exekutive jedenfalls kulant zeigen. Statt für das Fehlen der Weste ein 14 Euro teures Strafmandant auszustellen, sollen die Beamten in den kommenden drei Monaten die Automobilisten nur ermahnen. Ab dem Sommer wird es dann ernst, wer die Strafe nicht zahlen will, dem drohen theoretisch sogar eine Anzeige und bis zu 2180 Euro Buße.

Im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten ist die Strafe hier zu Lande aber recht niedrig. In Italien, das im Vorjahr als erstes EU-Land die Westenpflicht eingeführt hat, sind mindestens 33,60 Euro hinzublättern. Richtig teuer ist Portugal: 60 Euro Minimum kostet das Fehlen der Weste, das Nichttragen kommt auf mindestens 120 Euro.

Das alles kann man sich mit dem Kauf der drei bis vier Euro teuren Kleidungsstücke sparen. Was mittlerweile rund 85 Prozent der autofahrenden Österreicher gemacht haben - und das Ding auch anderswertig nutzen. Beim Joggen, Radfahren und selbst bei Partys wird sie mittlerweile angelegt. Ein gutes Geschäft für die Textilindustrie, das noch besser werden könnte. Denn sollte die EU ihren Plan einer Westenpflicht für ganz Europa wahr machen, wird mit einem Umsatz von fünf Milliarden Euro gerechnet. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 2. Mai 2005)

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