Jo Mai!

1. Mai 2005, 19:03
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Von DAG

Pünktlich am Tag der Arbeit, der wie geschaffen dafür war, ein Sonntag zu sein, ist etwas geschehen mit uns. (Hoffentlich spüren Sie es ebenfalls.) Mai-Gefühle gibt es ja viele. Aber dieses eine, unverwechselbare, von Blütengerüchen begleitete, mittels Aufmärschen eingetretene, das ist mehr als Emotion. Es ist Charakter, saisonaler Lebensentwurf, Einstellungssache - und lautet: "Jo Mai".

Das heimische Gemüt lässt sich in zwei klimatisch bedingte Grundstimmungen aufgliedern, die uns durchs Jahr begleiten: Die Wintermentalität beginnt im Spätsommer und endet im Frühling. Ihre Tugend ist die Wurschtigkeit, die uns die grauen Grauen vom Leibe hält, die aber monatelang am schmalen Grat der Mieselsucht vorbeizieht und oftmals hinunterkippt.

Die Sommermentalität wird von besagtem "Jo-Mai-Effekt" ausgelöst und bis in den August getragen: Die Dinge sind uns nicht mehr (nur) wurscht, wir nehmen sie plötzlich so leicht, dass sie uns nicht mehr belasten. Überprüfen Sie selbst: Teures Öl, das uns die Wirtschaft versaut und das Tanken vermiest? - Jo Mai! Schwarz-Orange? - Jo Mai! SPÖ fordert Neuwahlen. - Jo Mai! Jetzt kommen einmal jede Menge Feiertage. Und danach ist Sommerpause. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2005)

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