Raidl: "Gott schuf zuerst den Markt"

9. Mai 2005, 13:25
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Der Böhler-Chef betont die Bedeutung des Wirtschaftsstandorts - Eine soziale Verteilung muss ermöglicht werden

Linz - In der derzeitigen Dominanz wirtschaftlicher Zwänge werde das Soziale häufig auf das Nichtmachbare reduziert - auf Bereiche, die gekürzt, gestrichen werden müssen. Die Qualität des Sozialen werde im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsstandort nicht mehr ausreichend wahrgenommen.

Da Wirtschaft und Soziales zu ein und derselben Welt gehörten, werde die zunehmende Diskrepanz negativ auf den allgemeinen Lebensstandard rückwirken - so der vom Rektor des Diakoniewerks Gallneukirchen, Gerhard Gäbler, formulierte Ausgangspunkt einer Podiumsdiskussion in Linz anlässlich des 1. Sozialforums der Sparkasse Oberösterreich.

Soziale Verteilung ermöglichen

"Zuerst schuf der liebe Gott den Markt, dann erst überlegte er, wie das verteilt werden könnte", rechtfertigte Podiumsteilnehmer Claus Raidl, Generaldirektor von Böhler-Uddeholm, die Betonung des Wirtschaftsstandorts. Analysiere man den Standort Österreich nach seinen wesentlichen Faktoren und frage, was ist für die Wirtschaft attraktiv, werde deutlich, dass es zunächst Dienstleistungen und Produktion geben müsse, die eine soziale Verteilung erst ermöglichten. Was Pensions-, Kranken-, Bildungssystem etc. anbelange, "sind wir in Österreich nach wie vor gut", so Raidl. Die Korrektive, die gemacht worden seien, dienten der Sicherung des Systems.

"Ein Vogel fliegt nur mit zwei Flügeln gut. Staaten mit hoher sozialer Sicherheit haben ein höheres Bruttoinlandsprodukt und weniger Armut", meinte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie. Ein gutes Sozialsystem sei somit ein Standortvorteil. Außerdem sei "das Soziale selbst ein Produktionsfaktor".

15.000 Non-Profit-Organisationen im Sozialbereich

Unterstützt wurde er darin von der Sozialwissenschafterin Irene Dyk. Sozialpolitik und soziale Dienste würden häufig nur als Kostenfaktor gesehen, ohne zu beachten, dass sich hier eine beträchtliche Wertschöpfung in einem stark expansionsfähigen Bereich auftue. So gebe es in Österreich rund 15.000 Non-Profit-Organisationen im Bereich der sozialen Dienste, die etwa 125.000 Menschen - die 500.000 Ehrenamtlichen nicht eingerechnet - beschäftigten, mit einem Personalaufwand von knapp 1,8 Mrd. Euro.

Zum Vorschlag Schenks, sich zur Finanzierung des Sozialstandorts im immer noch reichen Österreich auch Gedanken über eine Vermögenssteuer zu machen, meinte Raidl: "Bei der Verteilungsfrage punktuell eine Steuer herauszugreifen macht wenig Sinn, ohne auch andere Möglichkeiten zu benennen." (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.5.2005)

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    Raidl: Analysiere man den Standort Österreich nach seinen wesentlichen Faktoren und frage, was ist für die Wirtschaft attraktiv, werde deutlich, dass es zunächst Dienstleistungen und Produktion geben müsse, die eine soziale Verteilung erst ermöglichten.

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