Turnsaal der Gefühlsgeschäfte

2. Mai 2005, 00:03
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"Die verkaufte Braut" an der Volksoper

Wien - Betrachtet man die Vorgänge an der Wiener Volksoper als eine Art Match zwischen Tradition und Moderne, von welchem der Volksopernchef Rudolf Berger hofft, es würde unentschieden ausgehen, so muss man nach der Premiere der Verkauften Braut zwischenbilanzieren, dass die Tradition durch das am Gürtel jetzt schon eine Weile betriebene Zurückdrehen der Musiktheaterzeit langsam, aber sicher einem Kantersieg entgegensteuert.

Der Matchzwischenstand spiegelt sich auch in der Inszenierung wider: Zwar hat Regisseur Uwe Eric Laufenberg eine Raumlösung gewählt, die Bedrich Smetanas Geschichte vom Handel mit Eheverträgen in einen Ostblockturnsaal (Bühnenbild: Christoph Schubiger) verlegt und damit einen Kontrast zum folkloristischen Gehüpfe erzeugt. Und da im Osten nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Ordnung die Marktwirtschaft Einzug hielt, dürfen auch Werbeplakate nicht fehlen, die Produkte bewerben.

Im Grunde jedoch sieht die Bühnensache sehr bald und dauerhaft nur noch aus wie ein slawischer Musikantenstadel, zudem: Bieder, ideenlos und frei von Intensität sowohl im Komischen wie auch im Tragischen wird die Geschichte von Marie (klangschön, aber bisweilen etwas überfordert Kristiane Kaiser) und Hans (tadellos Michael König) erzählt, die schließlich im Hafen der Zweisamkeit landen und die Absichten des Heiratshändlers Kezal (profund Bjarni Thor Kristinsson) unterlaufen.

Sicher, man erspart sich durch den Besuch dieser Inszenierung einen Zirkusabend. Im dritten Akt darf mit Sesseln jongliert und Feuer geschluckt werden (Heinz Zednik ist der solide Direktor). Und auch der stotternde Wenzel (durchaus komisch: Dietmar Kerschbaum) gibt im Bärenkostüm ein fabelhaftes Symbol des Lächerlichen ab. Diesen finalen Akt kann man gesondert auch im Kinder-Abo anbieten.

Sicher wäre auch die Einführung eines Zyklus "Quasi konzertant" angebracht, der darauf Rücksicht nehmen würde, dass einer dürftigen Inszenierung eine ausnehmend gute musikalische Unhüllung zuteil wurde. Zu gemäßigteren Preisen würden die Abonnenten dann vernehmen, zu welcher schnittigen und farbenreichen Arbeit das Orchester zumindest unter der alles Übersüße verscheuchenden Anleitung von Marc Piollet fähig ist. Eine rundum spannende Sache ist der Abend der Gefühlsgeschäfte jedoch sicher nicht. (DER STANDARD, Printausgabe vom 2.5.2005)

Von
Ljubisa Tosic

Vorstellungen am 3., 15. und am 21. Mai

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